Kunst im Park des mli.
Theoretischer Abriss zum Locus amoenus dem lieblichen Ort.
Ausschnitte aus
[META-MATRIX] Umrisse eines subversiven Beratungsmodells zwischen
Wissenschaft • Mystik • Kunst • Ökologie • Politik • Ökonomie • Ökologie und Biographie.
(erscheint Frühjahr 2012 bei mühle-media)
Over bridge of sighs
To rest my eyes in shades of green
Under dreamin' spires
To Itchycoo Park, that's where I've been.
Want did you do there?
I got high
What did you feel there
Well I cried
But why the tears there?
I'll tell you why
It's all too beautiful
Small Faces 1967
Der Locus amoenus, der schöne, der liebliche Ort sowohl in der Außen- als auch in der Innenwelt, ist eine zentrale Begriffskategorie der [MATRIX]. Das Grundbedürfnis, den Locus amoenus einzurichten, wird als naturrechtlich verankert im Genpool des Menschen gedacht.
Deshalb haben wir als eine der letzten Spätsommer-Aktionen den Park des mli durch einige größere Steinstatuen bereichert. Wir wollten durch die Skulpturen den strukturellen „backbone“ (Wege, Trockenmauern, Pergolen) unseres kleinen Institutsparks durch weitere Attraktoren bereichern.
Garten, Park, Pädagogik und Gesellschaft
Der Garten ist auch immer eine abgeschlossene Welt im Kleinen, eine miniaturisierte Projektionsfläche dessen, was sein Schöpfer über die Welt im Ganzen mutmaßt. Schon Cicero machte den Vergleich zwischen der Erziehung der menschlichen Seele und der Gestaltung der Natur durch Ackerbau. In der Gartengestaltung und in der Pädagogik finden beide Disziplinen zusammen, die Gestaltung der Innen- und Außenwelt. Die Behandlung der Pflanzen wird schon früh zur Metapher für den Umgang mit dem menschlichen Nachwuchs. Dementsprechend spiegeln sich in der großflächigeren Park- und Landschaftsgestaltung die gesellschaftlichen Ordnungs- und Spannungsverhältnisse.
Kurzum, es geht beim Garten und Park um die projektiven Wechselbeziehungen zwischen Außen- und Innenwelt, zwischen den Polen Natur und Kultur, Wildwuchs und Disziplin, Emotion und Kognition, Trieb- und Denkstruktur, Ekstase und Homöostase, zusammengefasst dem Verhältnis von Primär- und Sekundärprozess.
Die unendliche Kraft
Da die Statuen bis zu einer Tonne schwer waren, wurde ein Manitu gemietet, und welcher Mann hatte nicht noch die Erfüllung des Baggerfahrens auf seinem biographischen Wunschzettel.
Der (große) Manitu bezeichnet in der Sprachfamilie der Algonkin-Indianer eine unpersönliche, außerordentlich wirksame Kraft, die in allen Wesen und Dingen enthalten ist. Der Manitu (dies war nur die kleine Ausgabe) ist in der Tat ein dolles Ding. Nicht so schnell, aber bärenstark, ziemlich wendig, geländegängig und hubflexibel. Wahrscheinlich schwenkt der Teufel die glühenden Pfannen und Töpfe mit einem ähnlichen Gerät an seinem Locus amoenus. Der Locus amoenus des Teufels ist nach menschlichen Maßstäben der Inbegriff seines Gegenteils der Locus terribilis oder mit schlichten Worten die Hölle.
Himmel und Hölle
In allen spirituellen Systemen gibt es als Projektion dieser Kategorien Himmel und Hölle. In der Genesis gilt der Garten Eden, das Paradies, als Wiege der Menschheit. Diesen privilegierten Müßiggang versauen sich Adam und Eva relativ fix durch die Anwendung von Neugier, eine Kombination von Erkenntnisdrang und Sex. Kain gelingt bald darauf das erste Kapitalverbrechen, und die Menschheit ist in der alltäglichen Hölle angekommen. Der Locus amoenus ist nur durch einen dünnen Schleier von seinem Gegenteil, dem Locus terribilis, entfernt.
Historische Loci amoeni
Diese Vorstellungen vom schönen Ort finden bald ihren Fortgang in den Mehrzweckhallen der Steinzeit mit ihren Kunstproduktionen, den Höhlenmalereien des Aurignacien bis ins Magdalénien. Das sagenumwobene Atlantis gehört in den Kanon der klassischen Loci amoeni. Die hängenden Gärten der Semiramis aus Babylon zählen zu den sieben Weltwundern. Die Loci amoeni finden ihre Fortsetzung in den großen Utopien des Mittelalters und der verschiedenen Kulturkreise: Aladins Wunderlampe die mythologischen Vorwegnahme der Konsumgesellschaft, dem Schlaraffenland, wo Milch und Honig flossen, als der Vorwegnahme des Sozialstaates und die Phantasmorgien Jonathan Swifts in Gullivers Reisen, der Umkehrung der gesellschaftlichen Herrscherverhältnisse, die vielen Robinsonaden, den ersten geschlossenen Systemen als Inselexistenz, mit einem autarken Leben in Genügsam- und Friedfertigkeit. Es geht weiter mit Karl Mays Lügenpropaganda von den edlen Blutsbrüdern Winnetou und Old Shatterhand, die Rassenschranken überwindend einen umherschweifenden Rechtsstaat der Prärien begründen. Während realiter die Jungens, die gerade noch mit 14 geweint hatten, als Winnetou starb, kurze Zeit später mit 17 nach Stalingrad zogen und die Taiga von Untermenschen säuberten. Bei den flinken Windhunden war die stahlharte Etablierung des inneren Locus amoenus gründlich in die Hose gegangen, und sie landeten in dem Locus terribilis der totbringenden russischen Wintersteppe. Gleichzeitig ließ es ihr Gröfaz (der größte Feldherr aller Zeit, ein „Ehrentitel“ der ihm vom damaligen Kabarettisten Werner Finck unter Todesgefahr verpasst wurde) mit seiner Nazischikeria in Galauniform auf der zentralen Gralsburg am Obersalzberg richtig krachen. Wie in allen historischen Epochen lagen Hölle und Himmel nicht weit von einander entfernt. Krieg und Frieden scheinen epochal gesehen wie Ying und Yang zusammenzugehören.
Vom Obersalzberg über Graceland nach Neverland und retour
Elvis und Michael machten klar, dass nicht nur Tyrannen einen Hang zu liebreizenden Bonzenburgen haben, sondern auch Popkasper mit ihren Hypercocooingranches, Graceland und Neverland, was vom Locus amoenus verstehen. Der geschichtlichen und ideologischen Nähe zum Obersalzberg waren sie sich wohl weniger bewusst.
Graceland ist heute ein Museum (600.000 Besucher p.a.), Neverland wird noch eines. Die einzig gute Nachricht ist, dass das Interconti Resort auf dem Obersalzberg nicht richtig in die Gänge kommt. Da haben sich ein paar amerikanische Marketing-Heinze aus der neokonservativen Ära (wahrscheinlich noch vom Mythos der Alpenfestung benebelt) gründlich verkalkuliert, was bei mir klammheimliche Freude auslöst. In dieser Phase des ausgeflippten Turbokapitalismus war man der Auffassung, aus jedem Mist Geld machen zu können. Hier sollte eine kontextuelle Allchemie (nach Zauberlehrling Harry Potter) appliziert werden. Ein ehemaliger Locus amoenus durch geschichtliche Kontaminierung seines Usurpators zum Locus terribilis mutiert, sollte zu einem Locus amoenus rückgewidmet werden, Hauptsache der View auf und der Look von den Voralpen „stimmt“. Das ging gründlich in die Lederhose. Umdeutungen sind auch im Beratungsbereich ziemlich kitzelige und damit zweischneidige Verfahren. Sie kommen meistens nicht zukunftsweit und -weise durchdacht zur Anwendung. Das ganze Dummdeutsch der politischen Spin(n)-Doctors sind dazu nie versiegende Quellwolken der Heiterkeit bis plötzlich die Piratenpartei unter frischem Sprachwind neun Prozent „räubert“.
Hecke, Rough, Wilderness
Denn ein Locus amoenus - der Bestand haben will - zeichnet sich nicht nur durch äußere Attribute, sondern durch die Kongruenz innerer und äußerer Attribute aus. Dazu gehören innere Gesundheit, Freiheit, Frieden und Autonomie. Die Amalgamierung dieser widersprüchlichen Werte gelingt nur, wenn die Kongruenz zwischen innerer und äußerer Friedfertigkeit seiner Bewohner gelingt und gleichzeitig Wege ins Rough der Wilderness, jenseits der Hecke als Grenze zum Schutzraum Locus amoenus permeabel für Phantasie und Kreativität bleiben. Durch diese Permeabilität wird die energetische Zufuhr zum umfriedeten Raum aufrecht erhalten.
Kleinbonum hat diese Umfriedung ebenso wie Camp David oder das Zuckertorten Schloss Neuschwanstein von Ludwig dem Wahnsinnigen. Kleinbonum ist die phantasierte, dörfliche Metropole einer antirömischen „Phalanx“ aus vier Fäusten und Zaubertrank gallischer Partisanen. Asterix und Obelix waren die zeitlichen Nachfolger der Buddies „Laurel und Hardy“ und Vorläufer des anarchistischen Prügelduos „Terence Hill und Bud Spencer“. Die Umfriedung (unter-)scheidet die Territorien von Natur und Kultur von Primär- und Sekundärprozess, den neuronalen Hemisphären des Bewusst- und des Unterbewusstseins. Die Hecke von Dornröschens Schloss, Rapunzels Turm und der Felsen der Loreley haben die gleiche Funktion. Die Grenzlinien können horizontal und vertikal verlaufen.
Die Hagazzusa, die Hexe oder bei der [MATRIX] der [MATRIX]ograph sind die Grenzgänger, die Scouts, die in beiden Welten zu Hause sind. Sie wissen die Wege durchs Rough in die Wilderness und vor allem auch zurück, damit die Guided Trekking Tours in die primärprozesshafte Innenwelt der Mandanten nicht wie im Film „Into the Wild“ letale Folgen haben und zu einem One Way Ticket werden. Sie wissen um das eng verflochtene myzelartige oder rhizomförmige Wurzelgeflecht, von energetischen Mikrokanälen, das die beiden Welten unterirdisch unter der Hecke, unter jeder Mauer hindurch untrennbar miteinander verbindet. Myzele Netze als lebendige Strukturen können trotz ihres Lebens im Verborgenen enorme unsichtbare Flächen abdecken und ein hohes Lebensalter haben. Durch das Myzel und das Rhizom bleiben Wilderness, Park und Garten, Natur und Kultur verbunden, obwohl sie an der Oberfläche völlig unterschiedliche Erscheinungsformen zu haben scheinen. Aus diesen nichtsichtbaren Strukturen schöpfen die differenten Territorien ihre Kraft und tauschen leise flüsternd ihre Botschaften und Lebenssäfte aus. Es ist die fast perfekte Metapher für Oberflächen- und Tiefenstruktur und für unsichtbares und selbstorganisiertes subversives Wirken.
Traumzeit
Zwischen dem Haus, dem Anger, der Stadt als Territorien der Zivilisation und der Wildnis als Natur liegen Garten und Park als Sandwichwelten. Je nachdem von welcher Seite man kommt, haben sie mehr von den Qualitäten des einen oder anderen Pol. Der Zaunreiter sitzt wie die Hagazzusa auf der Hecke und schaut in beide Territorien. Wie der Ethnologe oder der [MATRIX]ograph kennen sich die Zaunreiter und Mauerspringer in beiden Welten aus. Sie haben immer den stereoskopischen Blick auf das Ganze, zwischen dem Links und dem Rechts der einen, der anderen oder der dritten Welt.
„Die Wiege schaukelt über einem Abgrund und der platte Menschenverstand sagt uns, dass unser Leben nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels ist. Obschon sie wie eineiige Zwillinge sind, betrachtet man den Abgrund vor der Geburt mit größerer Gelassenheit als jenen anderen, dem man (mit etwa viereinhalbtausend Herzschlägen in der Stunde) entgegeneilt“, so ist der Beginn von Nabokovs Autobiographie. Park und Garten stellen diesen kurzen Lichtspalt dar, bei der Gartenarbeit lässt es sich trefflich über den Sinn des Lebens, Vergänglichkeit und Ewigkeit philosophieren. Die Mustersprache des Gartens ist das «going native», das «going home». In den Grenzerfahrungen der Zwischenwelten, den kurzen bilderbunten und sinnenprallen hypnagogen Traumzeiten zwischen Schlafen und Wachen, ist man gleichzeitig schon Reisender in den anderen Sphären, bei den «Fahrten in den Weltinnenraum der Seele» (Gelpke) und doch noch reflektierender und partizipierender Forschungsreisender seiner selbst. Ernst Jünger sprach von einem „Doppelspiel der Bilder- und Gedankenwelt“. Hier stellt sich naturwüchsig und mühelos ein, was man für die „Hypnotische Identifikation“ im [MATRIX]-Interview übend erarbeiten muss. Genauso, wie man sich den reflektierenden Müßiggang im eigenen Garten und Park durch ständiges Tun hart erkauft.
Kitsch und Kunst
Der Locus amoenus ist häufig nicht weit vom uferlosen, aber seichten Fluß dem Kitsch, dem spießbürgerlichen Idyll, dem Ausstieg oder der Weltflucht entfernt. Die Masse und ihre Kanzler baden gerne lau in seinen lasziv träge strömenden Wassern. Damit man diesen falschen Verlockungen nicht unterliegt, braucht der Locus amoenus ein ästhetisches Konzept, (das man heute natürlich beim Inneneinrichter bestellen kann) und muss in Tugenden verankert sein.
Anselm Kiefer zeigt in seinem Landschaftsatelier in Brajac, dass es Loci amoeni gibt, die durch eine andere Ästhetik, als die des konventionellen Gartens als Sinnbild der heilen Welt zu faszinieren wissen. Gerade Kiefer setzt sich in seinem Werk immer wieder mit der totalitaristischen Hybris und den Orten des Eises und der Finsternis auseinander.
Die weißen Villen der Camorra
Durch die Globalisierung und die neokonservative Wirtschaftsordnung steht heute der globale Garten Eden auf dem Spiel. Am sinnfälligsten sieht man das an den weißen Villen im Hinterland der Camorra, der wirtschaftskriminellen Clans in Italien, abgesehen von Berlusconies Bunga, Bunga Bonzenbunker in der blauen Lagune auf Sardinien.
Von hohen Mauern, scharfen Hunden, Sicherheitselektronik und entsprechende Kloppertruppen abgegrenzt, organisieren die kriminellen Eigentümer dieser Verbrechenshochburgen ihren Broterwerb aus Müllverschiebung, Waffen-, Frauen- und Drogenhandel. Die Bevölkerung um Neapel hat durch die illegalen Müllkippen ein signifikant erhöhtes Krebsrisiko und Gendefekte.
Die alte Teufelsmelodie der Stones, die einen sahnen ab, die anderen „bleiben draußen vor der Tür“. Der Dokumentarfilm Gomorrha gibt darüber Auskunft. Das wirklich Schlimme an diesen Unappetitlichkeiten ist, dass das nicht auf Süditalien beschränkt ist und sich bis in die SLums von Rio und Bombay zieht, sondern dass die ganze Schöpfung von der herrschenden Zivilisation in einen «ground zero» verwandelt wird. Zusätzlich hat sich eine resignative Omerta aus Gleichgültigkeit oder Angst in weite Bereiche der westlichen Gesellschaften eingefressen. Sechzig Millionen Tote waren das Ergebnis des 2. Weltkrieges. Das schafft die heutige Zivilisation pro Jahr durch Hunger und Seuchen und kein Schwanz spricht darüber. Im Gegenteil, wird dann mal darüber gesprochen, dann häufig so: „Das Raumschiff Erde ist eh schon zu voll und solange sich das woanders und nicht bei uns abspielt, betrifft uns das nicht.“ „Lustig“, welche zynische Argumentationsfiguren: auf der einen Seite wird in der Raumschiffmetapher mit einer ungeteilten Welt die Mitverantwortung kaltschnäuzig abgewehrt, auf der anderen Seite wird mit der geteilten Welt „des woanders“ die Zuständigkeit weggewischt.
Sodom und Gomorrha
Sodom und Gomorrha gelten als die jahrtausende alte abendländische Metapher für die Verwandlung eines Locus amoenus in einen Locus terribilis. Dieses Sündenbabel wurde durch Feuer und Schwefel vernichtet, weil sich Lots Frau naseweis umdrehte und zur Salzsäule erstarrte. Dass der Terminus Gomorrha auch für die Luftangriffe von Bomber Harris auf Hamburg herhalten musste, steht auf dem selben Blatt wie die Zivilisation mit sich selbst verfährt. Hamburgs Gomorrha war nur ein industrieller Prototyp im Vergleich zu dem, was später veranstaltet wurde, von Vietnam bis Afganistan, Irak und in alle Krisenherde und Kriegsspielplätze dieser Welt.
Zurück in Ittcycoo Park
Der Garten gilt als der Inbegriff des Locus amoenus oder als Hortus conclusus. Gudrun, meine Frau, hat hier einen Blumengarten geschaffen, den wir nun noch durch die größeren Skulpturen ergänzen wollten. Dieser Garten ist eine Mischung aus Bauern- und Cottage-Garten. Die gemischten Arrangements aus Pflanzengemeinschaften mit mosaikähnlichen blumenreichen Farbassoziationen dominieren über geometrische Strenge. Der Garten ist das landschaftliche Bindeglied zwischen Wilderness, Park und dem Haus. Emil Nolde hat das in seinen ungemalten Bildern festgehalten. Walter Benjam liefert die ästhetische Theorie zu Noldes Bildern. Er schrieb Anfang des letzten Jahrhunderts: „Die Farbe ist schön, aber es hat keinen Sinn, schöne Farben hervorzubringen, weil Farbe Schönheit als Eigenschaft, nicht als Erscheinung im Gefolge hat. Die Farbe hat kein natürliches Medium des Ausdrucks. Damit gehört sie der Natur an, aber als unempirisches, formloses rein Rezipierendes. Der Mensch tritt ihr nur im selbstvergessenen Weben der Phantasie gegenüber. Das Leben in der Farbe ist die Verheißung der kindlichen geistigen Welt.“
Unsere Steinskulpturen sind Ausdruck unseres (leider bescheidenen) Bemühens, den Buddhaweg der Freiheit, Friedfertigkeit und Verständigung gehen zu wollen. Die Maori-Statuen stehen für die Traumzeiten, die pazifischen Utopien von Daniel Defoe.
Da Survival und Katasthrophenabwehr auch eine Kategorie der neuen [MATRIX] ist, stellen wir uns natürlich die Frage, wann wir in welchem Umfang mit Gemüse und Nutzpflanzen beginnen, damit in den Zeiten von Währungskrisen und Staatsverschuldung unsere Autonomiereichweite ausgedehnt wird. Das Unsichtbare Komitee weist auf diese Möglichkeit ausdrücklich in seinem letzten Buch hin. Es ist nur eine ziemlich zeitaufwändige Geschichte.
Die unsichtbaren (elektronischen) „Parkwächter“ oder „O`zapft is“
Im Frühjahr werden wir vielleicht noch ein paar Soldaten der Terracotta Armee von Kaiser Qín Shǐhuángdì hinzufügen. Denn wir können nicht nur den Buddhaweg des Friedens, sondern auch den Weg der Verteidigung, wenn man uns ganz dumm kommt. Den rasanten und multiplen Entwicklungen zum Locus terribilis der globalen „Titanic“ und der chronischen Havarie der politischen Klasse muss man sich heute nicht nur durch Friedfertigkeit in den Weg stellen. Subversion anstelle der üblichen Intervention ist auch ein ausgewiesenes Konzept der [MATRIX].
Aber Vorsicht, wir sind ja jetzt schon wieder soweit, dass nur die Absicht, eine kriminelle Vereinigung mit der Absicht, einen terroristischen Anschlag planen zu wollen, strafbewehrt ist. Allumfassender kann man Straftatbestände nicht an den Haaren herbeiziehen (§129 StGB usw.). Ein Rohrschach Test ist ein vergleichsweise solides empirisches Verfahren.
„Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Sie fliehen vorbei wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen mit Pulver und Blei, die Gedanken sind frei.“ Der Text von Hoffmann von Fallersleben reicht mindestens bis Walter von der Vogelweide zurück. Achthundert Jahre Kampf um Menschenrechte werden innerhalb eines Jahrzehnts zur Disposition gestellt. Al Kaida hatte einen demokratieerodierenden Langzeiterfolg in der westlichen Welt, den diese Burschen sich in ihren kühnsten Träumen aus tausendundeiner Nacht nicht haben ausmalen können.
Das mli würde geradezu ideal in das Raster der Rasterfahnder und elektronischen Schnüffler passen, als Waldbande vom Tete de la Behouille, am Ende der Welt hinter hohen Hecken, nur unser vorangeschrittenes Lebensalter passt nicht richtig ins Raster. Wenn es mit der Rechtsabschneiderei so weitergeht, tröstet bald auch der schönste Garten nicht mehr. J.M.R. Lenz, der damals ganz hier in der Nähe im Steintal beim Pastor Oberlin (ein strenger pietistischer Sozialpionier seiner Epoche) zu Gast war, Kotzbue, Schloß Hambach und der Vormärz lassen grüßen. Heute heißen sie Rizwaan Sabir, Hicham Yezza von der Uni Nottingham in England, Zitouni und Adlène Hicheur und die Tarnac 9 aus Frankreich und Andrej Holm aus Berlin. Holm hat nicht wie die anderen Wissenschaftlicher einen islamisch klingenden Namen, sondern hat nur etwas über Gentrifizierung geforscht und zack war er im Raster der Terrorismusfahnder und saß in U-Haft.
„Die europäische Union beruht auf den Grundsätzen der Freiheit, der Demokratie, der Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten sowie der Rechtsstaatlichkeit; diese Grundsätze sind allen Mitgliedsstaaten gemeinsam.“ Wenn der Abbau der Freiheitsrechte in Europa in dem Tempo weitergeht, wie von Trojanow und Zeh und anderen beschrieben, dann wird auch der friedlichste Garten und Park vom Locus amoenus in einen Locus terribilis verwandelt. Wie schrieb ich oben: Der Garten ist immer nur ein projektiv miniaturisiertes Abbild der Welt, die ihn umgibt. Deshalb bin ich über den jetzt entdeckten „Bundestrojaner“ nur mässig überrascht. Er stellt nur die Spitze des Eisberges der verfassungswidrigen und damit kriminellen staatlichen Schnüffelei dar, das wird sich noch handfest (be-)erweisen.
Vom individuellen zum öffentlichen Locus amoenus oder vom Mikro-
zum Makrokosmos
Im Zusammenhang mit Politik und dem Locus amoenus gilt es insbesondere, an die Erweiterung und Ankoppelung des individuellen Locus amoenus zum öffentlichen Locus amoenus, als Anschluss an das öffentliche und urbanisierte Territorium zu denken. Stadt-, Raum- und Landschaftsplanung kommen dann ins Blickfeld und die häufig atemlose Geschwindigkeit und/oder Konzeptionslosigkeit der öffentlichen Planungsprozesse in der heutigen Zeit. Grund sind die rasante Landflucht und die damit einhergehende exponentiell beschleunigte Urbanisierung sowie die Einwohner- und Flächenexplosion der Megacities.
Seit der Antike wurde der Locus amoenus im urbanisierten Raum der frühen Stadtstaaten durch das triadische Ensemble von Agora (der Fest-, Markt- oder Versammlungsplatz, die Piazza), das Stadion und das Theater definiert. In den Renaissancestädten des Mittelalters ist das Stadtensemble noch ein landschaftlich eingebundenes Stadtbild. Die formvollendete Mustersprache seiner Gesamtheit ist noch wohlgestalteter als einzelne hervorragende Gebäude. Die Stadtplanung der Renaissance beherzigte noch den „Goldenen Schnitt“ der Gestaltpsychologie: "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“.
Im Konkurrenzdruck um die kompetenzharten Leistungseliten der heutigen Skyline-Metropolen ist der Eifelturmeffekt eines markanten Einzelgebäudes wichtiger als das Stadtensemble, die Gestaltgrundregel wird reziprok pervertiert: Einzelne markante Gebäude bestimmen die Wiedererkennbarkeit der ganzen Stadt oder das einzelne markante Gebäude ist „mehr“ als die Summe der ganze Stadt(teile).
In der Renaisscance war das Stadtbild noch nicht zur glitzernden Skyline der Oil-City des hemmungslosen Konsumkapitalismus geronnen, der in seiner ebenso verführerischen wie falschen Leuchtkraft die Sterne verblassen ließ und als einzigen und letzten Kontext die schwarze und kalte Leere des Kosmos über sich duldet.
Die Zersiedelung in den gesichtslosen anorganischen Zwischenstadtbereichen als City-Rough der allmendefreien öffentlichen Habitate metastasiert dann zu den Loci terribili des modernen urbanisierten Raums, seine mosaike, patchworkartige und fraktalfreie Flächenstrukturierung wird zur „gelungenen“ Favelaisierung in der Arrival City. (Ab-)Wasser, Energie und weitere öffentliche Infrastruktur sind nicht (oder nur rudimentär) vorhanden und werden häufig von kleinkriminellen Gangs oder organisierten Kartellen organisiert und kontrolliert. Statt blauem Himmel, grünem Park und klaren Bachläufen multiplizieren sich ätzender Smog, glitschige Müll- und Schlammpfade, von Kloaken durchfurcht, zu einem realen Höllenhabitat in den Megaagglomarationen. Dies sind allzu häufig allmende-, agora-, theater- und stadionfreie Schattenzonen abseits der glitzernden Oil-City. Aber, in den Arrival Cities werden wegen der ungebremsten Zuwachsdynamik und Ausdehnung die Weichen der Zukunft gestellt, dass werden die Wall Street und andere Boulevards der „Gesellschaft des Spektakels“ noch schmerzlich begreifen müssen.
Um diese kommenden Aufstände für die Gesellschaften des Spektakels kontrollierbar zu halten, rüsten die elektronischen Parkwächter klammheimlich auf. „Reziprokes Public Viewing“ könnte wohl ein treffender Fachterminus sein. Der ehemalige Staatskonzern „Horch und Guck“ war mit seinen Mitteln und Methoden eine zwar rüde, aber vergleichsweise technisch unzulängliche Bastelgruppe. Zur Illustration nur den alten Witz vom Spätnachmittag des kalten Krieges zitieren: „Warum war der Brustkasten von Breschnew so breit?“ „Weil sein Herzschrittmacher von Robotron war.“
Psychogeographie als flanierendes Umherschweifen zwischen Locus amoenus und Locus terribilis
Wenn es um die tiefenstrukturelle Begehung der äußeren und inneren Räume geht, sind zwei Methoden erwähnenswert. Zum einen die Psychogeographie, die von Guy Debord und Constant Nieuwenhuys im Rahmen der Situationistischen Internationale Ende der 50er entwickelt wurde und die Spaziergangswissenschaft, die Strollogy, von Lucius Burckhardt. Beide Verfahren spielen im Rahmen der [MATRIX] eine wesentliche Rolle zur Prozesssteurung des explorativen Interviews und für die Hypothesenbildungsprozesse des [MATRIX]ographen als partizipativ luzider Interviewsteuerer.
Der Existentialismus und die lettristische Internationale hatten als Vorläufer der SI eine diffsue Theorie der «Kritik des Alltagslebens» und der «Entfremdung des Individuums» entwickelt. Deshalb sah die SI als entscheidende Aufgabenstellung die Amalgamierung der bis dahin fein säuberlich getrennten Sphären von Leben, Kunst und Revolution zu einem in sich konsisteten Modell.
Ein zentrales Vorgehen war die Psychogeographie mit der Methode des «dérive, des Umherschweifens». „Erforschung der genauen unmittelbaren Wirkungen, seien sie bewusst gestaltet oder nicht, des geographischen Milieus auf das emotionale Verhalten der Individuen.“
Durch umherschweifendes Flanieren im Pariser Minuit in einem Zustand einer luziden Aufmerksamkeit und den flüchtigen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen aus aller Herren Länder und ihren Weltenwürfen wurde eine urbane Anthropologie entwickelt.
Durch das „dérive“ wird, wie schon bei anderen Verfahren im Rahmen des Dadaismus, des Surrealismus und der Beat-Generation (der ècriture automatique, der häretischen Symbolbildung, des Cut-Up und des Remix) versucht, bewusste und unbewusste Mustersprachen neu zu konfigurieren.
„Das Konzept des Umherschweifens ist untrennbar verbunden mit der Erkundung von Wirkungen psychogeographischer Natur und der Behauptung eines konstruktiven Spielverhaltens, was es in jeder Hinsicht den klassichen Begriffen der Reise und des Spaziergangs entgegenstellt.“
William S. Burroughs beschreibt diese primär prozesshaft basierten Ekstasen in seinem Roman „Naked Lunch“.
Davon waren auch die späteren „umherschweifenden Haschrebellen“ beeinflusst, die durch den chemischen Brandbeschleuniger Cannabis eine Neumusterkonfiguration der Tiefenstruktur ihrer Mustersprache anstrebten. Erst als Kiffen zum jugendlichen Breitensport auf Partys verkam, verebbten diese Übungen in der läppischen Heiterkeit.
In seinem Roman „Der Würfler“ ersetzt Luc Rhinehard die Droge durch einen mathematischen Algorythmus in Form eines perfiden Würfelspiel. Durch den stochastischen Trial und (t)Error des Würfels werden neue Verhaltensweisen nicht nur etabliert, sondern in Analogie zum Grundvertrag in der psychoanalytischen Behandlung frei assoziierend erzwungen. Die Protagonisten des Romans, die sich auf diese Würfelei einlassen, trotzen durch die Grillen des Zufalls ihren Biographien völlig unerwartete, unvernünftige oder zerstörerische Wendungen mit fatalen Konsequenzen ab. Das Cut-up oder Remix nimmt hier nicht mehr den diskursiven Umweg über Kontexte, Räume, Begegnungen oder Kunst, sondern wird direkt als Feedforward in die biographische Steuerung vorausgekoppelt, wenn auch nur im Roman.
Bei der Promenadologie von Lucius Burckhardt geht es nicht mehr „nur“ um die lucide Begehung eines öffentlichen (Ballungs-)Raumes, sondern um die Ankopplung an den nächstgrößeren Kontext, die Einbettung der Stadt in die Landschaft. Mit Rekurs auf Rousseaus „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“, oder Stifters „Nachsommer“ werden die Spannungsverhältnisse zwischen Natur, Landschaft, Industrialisierung und politischer Entwicklung fokussiert; es geht um die (Ent-)Ideologisierung der Landschaft (z.B. der deutsche Wald) und die Politisierung der Natur.
Wie sich diese Spannungsverhältnisse bahnbrechen, hat in den 70er Jahren Jörg Müller in seinen spursichernden Illustrationen – in einer Art Bilderbuchtafeln für Erwachsene - von der Verwandlung der Landschaft protokolliert. In der Rückschau muten Müllers Illustrationen fast wie idyllische, kindlich naive Späße zur Sandkastenasphaltierung an. Natürlich finden diese destruktiven Umwälzungen von Loci amoeni zu Loci terribili heute im globalen Maßstab statt. Werden diese Zerstörungen mathematisiert, ergibt sich daraus das Konzept des ökologischen Fußabdrucks wie es von Wackernagel und Rees entwickelt wurde.
Bei Lucius Burckhardt entwickelte sich die Spaziergangswissenschaft zu einer aufmerksamen Neuentdeckung der (Um-)Welt und einer frühen Beschreibung in der Terminologie von Ökosystemen, also „eines Systems von Naturkräften, die sich, wenn im Gleichgewicht, nachhaltig und selbstständig regenerieren.“
Burckhardt beschreibt die Relation von Landschaft und Betrachter. Er fokussiert sowohl nach außen in die Landschaft, als auch nach innen in die Köpfe und Biographien der Betrachter. „Gemessen werden diese Betrachtungen am Ideal (des Locus amoenus) des lieblichen Ortes, wie er durch Malerei und Literatur seit Homer und Horaz über Claude de Lorraine, die Romantiker und schließlich die Prospekte unserer Fremdenorte und Zigarettenreklamen vermittelt ist.“
Die biographische Dimension der Wahrnehmung „des lieblichen Ortes besteht in einem Wiederfinden der eigenen Jugend, Eindrücken aus dem Elternhaus, dem Lesebuch, Erzählungen älterer Leute, Bilder an den Wänden des Klassenzimmers oder Schulzimmers, Vorstellungen zu gelesenen Lieblingsbüchern. Niemand von uns kann sich in die geschaute Umwelt eines anderen versetzen. Doch herrscht große Gemeinsamkeit: zur Ferienzeit zieht männiglich ins Gebirge, an die Seen, ans Meer; so dass also dieser individuellen Verschiedenheit eine kollektive Einheit übergeordnet sein muss, die wir als Kultur bezeichnen. Diese Kultur wäre also so etwas wie das kollektive Gedächtnis dessen, was wir als liebliche Orte bezeichnen.“
Wie schon mehrfach angedeutet, ist die politische (Neu-)Bewertung des Locus amoenus dringendst geboten. Debord schrieb schon 1967: „Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modenen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als ungeheure Ansammlung von Spektakeln. Alles was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen. Die Bilder, die sich von jedem Aspekt des Lebens abgetrennt haben, verschmelzen in einem gemeinsamen Lauf, in dem die Einheit dieses Lebens nicht wieder hergestellt werden kann. ... Das Spektakel überhaupt ist, als konkrete Verkehrung des Lebens, die eigentliche Bewegung des Unlebendigen.“
Kombiniert man das Umherschweifen mit der Spaziergangswissenschft erhält man als ein Ergebnis das mli Brand HISTORIOdrama.
Die Schockstrategie
Im gleichnamigen Buch von Naomi Klein beschreibt die Autorin anhand von exzellent recherchierten Beispielen und Quellen die Strategien der Neokons von Milton Friedman und seinen Chicago Boys. Angefangen mit dem faschistischen Rollback von Pinochet in Chile über die Afghanistan- und Irak- Kriege, Nine Eleven in New York und den Schinderhütten von Abu Gureib bis zu den letzten Naturkatastrophen im asiatischen Raum (durch den Tsunami) und den Hurrikane Kathrina in New Orleans legt sie die Vorgehensweisen von Milton Friedmans „Shock und Awe Doktrin“ dar.
Die typischen Forderungen der freien Marktwirtschaft - Privatisierung, Deregulierung und tiefe Einschnitte bei den Sozialausgaben - sind die drei Säulen der Neokons. Ergänzt werden die „legalen“ Vorgehensweisen bei Bedarf durch systematische Folter, Terror und Vergewaltigung mit dem entsprechenden Militärapparat oder in den demokratischen Staaten durch die entsprechende digitale Schnüffelei und Stärkung der Polizei und (Geheim-)Dienste.
Am Beispiel von New Orleans wird das „Gletschertempo, mit dem die Dämme repariert und die Stromleitungen wieder in Gang gebracht wurden, mit der Geschwindigkeit und militärischen Eile und Präzision verglichen, mit dem das Schul- und BIldungssystem verauktioniert wurde.“ Es war eine „pädagogische Enteignung“ des ganz bewussten und gezielten „Katasthrophen-Kapitalismus“. Es wird auf eine große Krise oder einen Schock gewartet, um dann den Staat an private Interessenten zu verfüttern, solange die Bürger sich noch vom
Schock erholen. Friedmans Credo: „Nur eine Krise - eine tatsächliche oder empfundene - führt zu echtem Wandel. Wenn es zu einer solchen Krise kommt, hängt das weitere Vorgehen von den Ideen ab, die in Umlauf sind. Das ist meiner Meinung nach unsere Hauptfunktion: Alternativen zur bestehenden Politik zu entwickeln, sie am Leben und verfügbar zu halten bis das politisch Unmögliche politisch unvermeidbar wird.“ Manche Menschen bereiten sich auf kommendes Unheil vor, indem sie Konserven und Trinkwasser horten, Friemann-Anhänger bevorraten Konzepte der „freien“ Marktwirtschaft.
„Kurz gesagt: Friedmans Wirtschaftsmodell lässt sich zum Teil demokratisch durchsetzen, die Implementierung der Vollversion bedarf aber autoritärer Verhältnisse. Angst und Chaos sind die Katalysatoren für jeden großen Sprung nach vorn, das war von Anfang an der Modus Operandi von Friedmann und seinen Anhängern. Gibt es keine natürlichen Krisen oder Katastrophen, werden sie durch Umsturz oder Krieg herbeigeführt. Ein paar der infamsten Menschenrechtsverletzungen der letzten dreißig Jahre, die man meist als sadistische Taten antidemokratischer Regime betrachtete, wurden in Wirklichkeit mit der vollen Absicht begangen, entweder die Öffentlichkeit zu terrorisieren oder aktiv der Einführung radikal marktwirtschaftlicher «Reformen» den Boden zu bereiten.“
Banken besetzen
Gott sei Dank beginnen - trotz Wirtschaftswährungs- und Bankenkrise und des ungehemmten Treibens der Neokons und des Turbo- und Katastrophen-Kapitalismus - mehr und mehr Leute zu begreifen, was wirklich gespielt wird, warum die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden und warum der Mittelstand dazwischen zerrieben wird. Auch wird verstanden, dass eine individuelle Ab- und Gegenwehr gegen dieses Treiben wenig nützt. Die unfähige Politik hat aber auch verstanden, wenn es zum großen Crash kommt, wird dieser Schock sich nicht zu einem weiteren neokonservativen Umbau nutzen lassen, sondern diese Krise würde zum Rohrkrepierer der bestehenden politischen und wirtschaftlichen Systeme. Der rasante Aufstieg der Piratenpartei und die Anschläge auf die Bahn sind weitere kleine Indizien für die steigende Volkswut. Das macht der politischen Klasse eine Heidenangst. Darum versuchen sie, sich - natürlich mit dem Geld der Bürger - Zeit zur Systemverlängerung zu kaufen. Daraus folgt, das es den großen Schock und Crash geben muss (was kein Finanzfachmann bestreitet, dass es so kommen wird), weil es getreu der Friedmanschen Schockdoktrin des Schocks zum radikalen gesellschaftlichen Umbau bedarf, nur dieses Mal wieder mit umgekehrten Vorzeichen. Bei den französischen und russischen Revolutionen war es genau so. Die jeweils Herrschenden müssen es nur hinreichend doll (über-)treiben. Erst das Jahre zuvor u.a. von Jean Jacques Rousseau kolportierte Gerücht, sie habe auf die Vorhaltung, die Armen könnten sich kein Brot kaufen, geantwortet: „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie Brioche [Kuchen] essen, waren ihre Fahrkarte aufs Schafott.
Occupy Wallstreet, Occupy Frankfurt sind Bewegungen, bei denen 99 Prozent der Bevölkerung, "nicht länger die Gier, Korruption und Psychopathie von einem Prozent der Bevölkerung hinnehmen wird". Das gibt Hoffnung und gute Aussichten.
Literatur:
Baumeister, Biene, Negator, Zwi (2007): Situationistische Revolutionstheorie. Eine Aneignung. Stuttgart. Schmetterling.
Benjamin, Walter (2007): Aura und Reflexion. Schriften zur Kunsttheorie und Ästhetik. Frankfurt. Suhrkamp.
Burckhardt, Lucius (1980): Warum ist die Landschaft so schön? Die Spaziergangswissenschaft. Kassel. M. Schmitz Verlag.
Debord, Guy (1996): Die Gesellschaft des Spektakels. Berlin. Tiamat.
Dürr, Hans Peter (1984): Traumzeit. Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation. Frankfurt. Suhrkamp.
Franck, Georg (2011): Die urbane Allmende. Zur Herausforderung der Baukultur durch die nachhaltige Stadt. in Merkur 746.
Ford, Simon (2007): Die Situationistische Internationale. Eine Gebrauchsanleitung. Hamburg. Nautilus.
Gelbke, Rudolph (1962): Fahrten in den Weltinnenraum der Seele. Antaios 3, 393-411. Hrsg.: Mircea Eliade u. Ernst Jünger.
Klein, Naomi (2007): Die Schock Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus. Frankfurt. Fischer.
Müller, Jörg (1976): Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder oder die Veränderung der Landschaft. Aarau. Sauerländer.
Müller, Jörg (1976): Hier fällt ein Haus, dort steht ein Kran und ewig droht der Baggerzahn oder die Veränderung der Stadt. Aarau. Sauerländer.
Nabokov, Vladimir (1966): Erinnerung, sprich. Wiedersehen mit einer Autobiographie. Hamburg. Rowohlt.
Nolde, Emil (2009): Mein Garten voller Blumen. Köln. Dumont.
Saunders, Doug (2011). Arrival Ciity. München. Blessing.
Simon, Ford (2006): Die Situationistische Internationale. Eine Gebrauchsanleitung. Hamburg. Nautilus.
Unsichtbares Komitee (2010): Der kommende Aufstand. Hamburg. Nautilus Flugschrift.
Zeh, Juli; Trojanow Ilija (2010): Angriff auf die Freiheit. Überwachungsstaat und der Abbau der bürgerlichen Rechte. München. dtv.
Filme:
Cronenberg, David (1997): Naked Lunch . Nackter Rausch. Kanada, UK.
Garrone, Matteo (2008): Gomorrha – Reise in das Reich der Camorrha. Italien.
Hershman, Joel (2000): Greenfingers - harte Jungs und zrte Triebe. GB. USA.
Spielberg, Steven (2002): Minority Report. USA.
Neher Marita, Bökamp Nils (2011): Freiheit oder Sicherheit. Der Antiterrorkampf. BRD, ZDF & arte.
Penn, Sean (2007): Into the Wild. USA.
Oktober 2011
Treffen der Lehrenden Mitglieder des mli
Vor einigen Tagen, Anfang September, fand wieder eines der regelmäßigen Lehrtherapeutentreffen des missing-link-instituts zur Vorbereitung der diesjährigen [MATRIX]-Weiterbildung statt, die Mitte September beginnt.
Themen des Lehrtherapeutentreffens waren die neuen Theorie Entwicklungen in der [META-MATRIX]. Neben der Darstellung der Modelle wurde am Beispiel von ausführlichen Video- und Audiofallanalyseausschnitten diskutiert, in welcher Form und wie weit die Beratungspräzison und das Beratungstempo durch die neuen Modelle optimiert wird. Weiter wurden Überlegungen zur Didaktik und Mathetik dieser Konzepte besprochen und welchen Bildungskanon ein Berater bevorraten muss, um die [MATRIX] und insbesondere die [META-MATRIX] angemessen „bedienen“ zu können. Es wurde in diesem Zusammenhang auch vereinbart, auf Grundlage der aktuellen [MATRIX]-Navigationstafeln thematische Literaturlisten aus dem Bestand der Institutsbibliothek zusammenzustellen.
Der Print- und Multimediabestand der Institutsbibliothek wird zur Zeit von unserer Praktikantin, Katharina Albrecht aus Luxemburg, vollständig digital erfasst. Dieses Projekt soll im Laufe des Herbstes abgeschlossen werden. Zur Zeit schätz
en wir den Umfang der Institutsbibliothek auf ca. 5.000 Bücher. Im Multimediaarchiv werden es weit über tausend Filme sein. Das Audio- und Stimmanalysearchiv des Instituts ist bereits digitalisiert und umfasst z. Z. 2.500 Tonträger.
Wie immer bei gutem Wetter fand ein großer Teil der Besprechungen nicht in den Kursräumen des mli, sondern draußen im Park des Instituts statt.
Lehrtherapeuten des mli sind:
Michael Berger, Dipl.-Psych. von der Beratungsfirma ibo in Wettenberg bei Gießen,
Susanne Kett, Dipl.-Kulturw. von der Kompetenz Werkstatt in München,
Gabriele Ruck, Dipl.-Soz.-Arb. aus Freiburg.
Alle KollegInnen sind langjährig erfahrene Berater, Coaches und Supervisoren mit systemischem Hintergrund.
Bild oben links, von l. nach r.: Michael Berger, Peter-W. Gester, Susanne Kett, Gabriele Ruck,
Mitte vorne: Godzilla, Zerberos des mli
Bild rechts: Susanne Kett, Michael Berger, Peter-W. Gester, Gabriele Ruck, Mitte vorne: Zwolle, das mli-Schaf, ist für den Haircut des Institutsrasen verantwortlich und hat stets reichlich primärprozesshaften Unsinn im Kopf.
Sept. 2011
Neues E-BOOK (pdf) erschienen:
Anleitung zur Anfertigung der [MATRIX]®
Navigationswerkzeuge zur biographischen Orientierung
Mach’ keine kleinen Pläne.
Sie haben nicht den Zauber,
das Blut der Menschen in Wallung zu bringen.
Sie werden nicht realisiert.
Mach’ große Pläne, setze Dir hoffnungsvoll die höchsten Ziele - und arbeite.
oder
(Lebens-)Planung ist der Ersatz des Zufalls durch den Irrtum.
Das neue [MATRIX] E-Book ist am 1. Juni bei mühle-media erschienen. Es beinhaltet ein zeitgemäßes Modell zu einer umfassenden Lebens- und Karriereplanung. Es hat 199 Seiten mit 23 Diagrammen, 8 Tabellen, 81 Farbphotos und 59 farbigen Zeichnungen. In das E-Book sind weit über 400 externe Links eingearbeitet, so dass das E-Book die Links eingerechnet über 1.000 Seiten hat. Der Download beinhaltet die Symbolisations-Übung als MP3 File. Er kostet 19.00 €.
Krisenabwehr und Survivalkapitel
Das [MATRIX] E-Book hat - neben den anderen Lebens- und Berufsplanungs-kapiteln der [MATRIX] auch (als erstes Beratungsmodell?) - eine Krisen- und Katastrophenabwehr mit Survival Planung.
Menschengemachte Umweltkatastrophen wie beim japanischen Kernkraftwerk Fukushima und die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko sowie Währungs- und Wirtschaftskrisen oder Naturkatastrophen wie Stürme, Tsunamies, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Überschwemmungen, Brände zeigen (leider), wie existentiell und überlebenswichtig eine Krisenabwehr und Survivalplanung plötzlich sein kann. Lebens- und Berufsplanung in der heutigen Zeit ohne diese Planung kann ich nur als leichtfertig betrachten.
Anwendungsfelder der [MATRIX]
Die [MATRIX] kann in verschiedenen Anwendungsfeldern wie (Organisations-)Beratung, Lebens- und Berufsplanung, Coaching, Unternehmensplanung und Psychotherapie eingesetzt werden. Seit 2009 ist die [MATRIX]® eine geschützte Marke.
Wozu dient die [MATRIX] ?
Die [MATRIX] dient zur Herstellung, Wiedergewinnung, Erhaltung, Stabilisierung oder Optimierung von Lebensqualität. Ein angrenzender Begriff ist Nachhaltigkeit und historische Begriffe wie das Summumum bonum und die Glückseligkeit.
Was ist die [MATRIX] ?
Die [MATRIX] ist ein interdisziplinäres • polytheoretisches • multimethodisches • schulenübergreifendes Konzept
zur Meta-Muster-Erkennung (Missing Links) in biographischen Gesamtkunstwerken, den Lebenspartituren.
Zur Realisierung der Lebenspartituren werden die Missing Links zwischen der Innen- und der Außenwelt und den großen Lebensmustern in einer Biographie aufgespürt. Dadurch wird die Mustersprache der unbewussten, unterirdischen biographischen Baupläne sichtbar. Über die Zeitdimensionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden sie in bildschöpfenden Verfahren von den Klienten symbolisch enthüllt.
Dies führt zum „Big Picture" des bisherigen Lebens mit den zugehörigen Details und ermöglicht für die Zukunft die Entscheidung unentscheidbarer Fragen und eröffnet biographische Übersicht, Sinnstrukturen und Steuerungsperspektiven in den Dimensionen:
Rückblick • Einblick • Weitblick • Überblick • Durchblick • Ausblick
Zum Download: Click
Im nächsten Jahr erscheint das Entschlüsselungsbuch für die [MATRIX]-Beratung; es hat den Titel:
[META-MATRIX] Eine Theorie der Präzision des Ungefähren.
Juni 2011
Verkommt Beratung und Coaching zum Blitzkrieg?
Über Beratung im Neoliberalismus
Ungekürzte Originalfassung aus managerSeminare, 158, Juni 2011, thesis im Sonderheft Coaching.
Der Teil 2 erscheint in Kürze unter dem Titel:
„Empört Euch!" vom Bildungsbürgertum zum Wutbürger
Rousseau hat nichts entdeckt,
aber er hat alles in Brand gesetzt.
Vor zehn Jahren fand die erste Staffel von Big Brother statt. 2010 bei der 5. Staffel von Germany`s next Topmodel gingen 23.000 Bewerbungen ein, die 7. Staffel von DSDS hatte im Schnitt 4,2 Millionen Zuschauer. Das entspricht einem Marktanteil von fast 33%.
Gemeinsamer Nenner dieser Straßenfeger ist, dass junge Menschen innerhalb einer Minute beurteilt werden, ob sie einen Recall in die nächste Show bekommen. Die letzten 15 Kandidaten treten dann in einer wochenlangen Show gegeneinander an und bekommen unter der johlenden Anteilnahme des Publikums h(d)erbe Rückmeldungen über ihre Leistungen, zu ihrem Verhalten und ihrer Person. Obwohl dies von Feuillitonisten in Grund und Boden verdammt wird, erfreuen sich diese Shows bei Kandidaten und Publikum größter Beliebtheit. Junge Leute stellen sich freiwillig in einer breiten medialen Öffentlichkeit diesen zweifelhaften Prozeduren.
Wie kommt das? Wie ist das zu erklären? Und was hat das mit Coaching zu tun?
Diese Medienspektakel und Straßenfeger sind ein Oberflächenphänomen eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels, der im neoliberalen Weltbild wurzelt: „Es soll jeder zeigen, was er kann. Er soll tüchtig und/oder schön sein, und wenn er etwas schafft / gut aussieht und sich bewähren kann, ist es gut und wenn nicht, ist er halt selber schuld, dumm gelaufen.“
Man mag damit einverstanden sein oder nicht (ich bin es nicht), aber so ist die (derzeitige) gesellschaftliche Realität. Ein Rhythmus wo jeder mit muss?
Parallel dazu hat sich im Zuge der Globalisierung ein Arbeitsmarkt entwickelt, auf dem Arbeitnehmer zunehmende Schwierigkeiten haben, ihre Gehaltsforderungen und gesetzlich verankerten (Arbeits-)Rechte zu wahren. Die synchrone Rückläufigkeit der Krankentage ist nicht Ausdruck einer besseren Volksgesundheit, sondern ein Symptom der Angst um den Arbeitsplatz.
Unter Heuschreckeninvestoren (in den Emerging Markets und der dritten Welt) gelten zwei grundsätzliche Regeln: „Die sozialen und ökologischen Folgen meiner Investitionen gehen mich nichts an. Ich habe für die kurzfristig maximale Rendite meiner Anleger zu sorgen, nach mir die Sintflut. Die größten Gewinne ergeben sich, wenn das Blut auf der Straße klebt.“
Die Filme „Let`s make money“ und „Der Geist des Geldes“ geben darüber beredte Auskunft. Der weltweite Konkurrenzkampf und die totale Entsolidarisierung ist auf allen Ebenen entfesselt.
Soweit (leider) nichts Neues.
In den Industrieländern führt das wiederum dazu, dass die Arbeitsverdichtung durch Rationalisierungswellen und Personalabbau so hoch ist, dass ich in meinen Beratungen und Coachings haufenweise sehr gute Leute sehe, die in einen ungebremsten Burn Out driften. Sie sehen keine Chance mehr, ihr ständig größer werdendes Arbeitspensum nach ihren bisherigen Soliditäts- und Qualitätsvorstellungen abzuarbeiten. Sie stehen unter einem permanenten Disstress, bei dem ihnen ihre Persönlichkeitsstruktur beginnt, im Weg zu stehen, weil Sie es nicht mehr schaffen, hurtig und flexibel genug auf die widersprüchlichen Arbeits(um)feld und –anforderungen zu reagieren. Häufig kommt dann ein Coach ins Spiel, der nun natürlich innerhalb kürzester Zeit (egal wie) Wunder wirken soll. Was er natürlich auch nicht kann.
Der Coach soll nun natürlich auch nicht an das Arbeitsumfeld, die Arbeitsorganisation, die Arbeitsanforderungen, die anderen Mitarbeiter oder gar den Vorgesetzten Hand anlegen, sondern sich auf den betroffenen Mitarbeiter fokussieren. Nicht sinnstiftende Entschleunigung, reflexive Besinnung oder komplementäre Beratung, sondern weitere Organisationsrationalisierung und personenbegrenzte Funktionseinpassung ist angesagt. Ursache und Verantwortung für diesen Irrsinn wird an die nächste Diskursebene überwiesen. Genau wie bei dem Disaster der Love Parade.
Soweit (leider) auch nichts Neues.
Bei den herrschenden Modellen zur Einflussnahme durch Coaching (heute häufig systemisch/konstruktivistischer Provenienz) zeigt sich ein janusköpfiges Bild: Auf der einen Seite die systemischen Modelle, die in ihrem theoretischen Grundverständnis aus den 60er Jahren stammen und von den kulturrelativistischen Schulen um Mead, Bateson, von Foerster und von Glasersfeld, Maturana u.a. geprägt sind. Diese ehrenwerten Theoretiker aus unterschiedlichen Fachwissenschaften wollten nach den bitteren Erfahrungen mit dem 2. Weltkrieg und dem Faschismus Theorien für eine bessere Welt schmieden.
Auf der anderen Seite pseudoreligiöse Mystifizierungsmodelle mit Organisationsaufstellung à la Hellinger, in denen für komplexe soziale Situationen nach zehn Minuten eine (w)irre Lösung aus Ursprungsordnungen und Demutsgebrabbel gefunden ist.
In der Praxis entwickelte sich daraus ein Flächenbrand aus sozialpädagogischer Folklore, die in den „Big Pfeif“ gipfelt und in einer konstruktivistischen bis phänomenologischen politikleeren Multikultisuppe dümpeln.
Diese Mythen sind:
- Kurzzeitberatungen sind immer wirksam, je kürzer desto gut
- es gibt für alle Probleme schnelle und effektive Lösungen
- alle Verhaltensweisen und Eigenschaften sind eigentlich Ressourcen
- der Berater/Coach ist neutral bzw. er konnotiert schlimmstenfalls
- alles positiv
Diese Modelle sind deshalb so erfolgreich, weil sie vom Berater und seinen Mandanten weiter nichts verlangen als „The same confusion on a quicker and higher level.“ Das Credo dieser glücksverheißenden Convenience Soßen wirkt als soziale Gleitcreme der neoliberalen Profitgier für den Mikro- und Mesokosmos und geht so: „Da alles Konstruktionen sind, kann ich auch denken, fühlen, tun und lassen, was ich will, Hauptsache es nützt meiner Karriere und die Kasse stimmt. Ich pflege meine temporären Allianzen und bin sonst bindungsfrei.“ Die Personalisierung obiger Motti: „Blood (Oil) on the Tracks“ (gerade heute ist der 70ste von Dylan).
Der Makrokosmos mit dem Leck im Golf von Mexiko, als Spiegelbild des Ozonlochs, oder die von Profitgier getriebene Katastrophe der Death Parade (desperate?), oder die Atomkatastrophe von Fukuschima wird mit der persönlichen Verantwortung als unverbunden gedacht, aber symbolisch durch emotionale Übersprungshandlungen mit Betroffenheits-Ethik (Moral-Zapping) abgewehrt (Grablichter, früher 17. Juni Kerzen und heute Public Griefing z. B. beim Suizid von Torwart Enke und hinterher geht's in der Liga weiter wie zuvor), ergänzt durch psychologisierendes Traumacoaching, aber keine ernstzunehmende politische Ursachenbekämpfung. Coching Modelle sehen das gar nicht vor oder kommen mit aufgedunsenem moralinsaurem Ethikermahnungsgesäusel auf den letzten zehn Buchseiten um die Ecke.
Die zu diesen Zeitläufen gehörende Debilisierung, höflich ausgedrückt simplifizierende Wohlfühlerzeugungsberatung gipfelt in „Fachkonvoluten“ zwischen „Beratung ohne Ratschläge“ oder „Ordnungen der Liebe“. Beides ist diametrale Desorientierung für Kontexte, in denen es um Macht und Profit(gier) geht, vor der Hintergrundstrahlung von Wirtschaftskrise, Währungskrise, Staatsverschuldung und Staatspleiten am Spätabend des fossilen Brennstoffzeitalters.
Was eigentlich gefragt wäre, wären multimodale, fachübergreifende Beratungsverfahren, die den Mandanten sowohl die Tiefendimensionen der (persönlichen Lebens- und Berufs-)Welt, als auch des inneren Kosmos seiner Person und wechselseitigen Bedingtheit sowie existentieller Abhängigkeit deuten. Also: lebensweltliche und tiefenstrukturell differenzierte Analysen, in Verbindung mit klaren Handlungsoptionen für Verhaltensmöglichkeiten, gründend in einem konsequentiellen Verantwortungsbewusstsein für die Schöpfung. Diese Beratungsmodelle funktionieren nicht wie ein lösungsorientierter Blitzkrieg. Sie gehen davon aus, dass es in dieser globalisierten Welt keine neutrale Position mehr gibt. (Spätestens) die eigenen Kinder werden die Gelackmeierten sein! Sie unterstellen weiter, nicht alle menschlichen Verhaltensweisen sind Ressourcen oder gar schon Tugenden, sondern man muss sich bewusst dafür entscheiden, und man wird sich dadurch saftige Nachteile einhandeln!
Das fordert von leitenden Angestellten mit Personalverantwortung (neben der Fachkompetenz) eine gute Übersicht der eigenen Lebens- und Innenwelt, gepaart mit elastischer Verhaltenskontrolle bei intaktem Gerechtigkeitssinn und Tugendprofil, einschließlich funktionierender Zivilcourage zur gerechten Mediation zwischen den Partikularinteressen, dem Firmeninteresse und dem Gemeinwohl. Das beginnt mit chronischer und rasanter Prüfung des eigenen Tuns. (Junge Menschen stellen sich zuweilen solchen Prozeduren, allerdings nur im Kopplungszwang mit medialer Verwurstung, s.o.) Das wäre die metakritische Hinterfragung und tiefenstrukturelle Reflexion im Coaching. Ein Berater hätte dafür entsprechende Modelle zu bevorraten. Zwischen ratloser (Blitzkriegs-)Beratung und Ordnungsmodellen von Hellinger bis Bueb müsste doch noch Platz für etwas differenzierten Common Sense sein.
Damit wäre nun bloß die Schlüsselqualifikationen für den Übermenschen definiert. Alltagsheilige sind eine ausgestorbene Spezies; Dominique Brunner (war übrigens auch ein Manager) musste auch mit seinem Leben bezahlen (Kann man sich Josef Ackermann mit solchem Mut vorstellen?). Aber, wir sollten das Feld weder kampflos den schnellbrütenden lösungswütigen Simplifizierern noch den psychopathischen Nieten in Nadelstreifen (z.B. Hayward, EX-CEO BP; Ex-Tepco Chef Shimizu mit Fukushima; Schaller Veranstalter Love Parade, Adolf Sauerland OB Duisburg und Schimanskies Kollegen in selbiger Stadt; die Plagiatoren Guttenberg, Koch-Merin u.v.a.m.; die dann auch noch versuchen wie Kaugummi an ihren Stühlen zu kleben) oder gar den soziopathischen Strukturen des Turbokapitalismus mit seiner durchgeknallten Finanzindustrie überlassen.
„The Dream is Over?“ „A Change is Gonna Come?“ „Live and Let Die?“: Damit mögen doch John Lennon, Sam Cooke, Otis Redding und 007 am Rand des Sirius die Ohren der Götter zu Stein erweichen. Ich bin allerdings mit Rilke und Sloterdijk der Auffassung: „Wir müssen unser(e) Leben(swelt) ändern, denn uns hilft kein Gott.“
Coaches könnten dazu ihren Beitrag leisten, wenn sie (auch) tiefenökologisch differenziert und politisch orientiert unterwegs sind. Wenn sie sich nicht (nur) verstehen als „Alles wird gut“ Patchwork-Persöhnlichkeitsverrunder und Karriereschnell(seifen)sieder oder dauerkonstruktivistische Kapitalerfüllungsgehilfen, die zum falschen Trost phänomenologische Zusammenhänge aufstellen, die frei erfunden sind.
Sie soll(t)en deshalb eher Sand denn Gleitgel im Schilde führen, ihr Mandant sei das Bruttonationalglück (BNG). Erziehung zum Müßiggang sei ihr wahres Metier, als Anleitung zum Widerstand gegen Ökonomismus und Karrierismus unter dem Diktat der Technokratie, also Anleitung zur Emanzipation und Zivilcourage. Das fängt mit deutlichen Rückmeldungen und einer superkritischen Bestandsaufnahme der eigenen Person an. Das wünschen und wollen Mandanten! Dadurch trägt der Berater große Verantwortung, denn er sollte unter diesen Rahmenrichtlinien kein dummes lösungsdesorientiertes Zeug schwafeln und keinen unpolitischen Stuss raten.
Für solche klare Rückmeldung scheinen Berater und ihre Fach- und Berufsverbände im Unterschied zu (einigen) ihren Mandanten (noch) nicht besonders aufgeschlossen zu sein. Andere Berufsgruppen wie z. B. Ärzte, Pfarrer, Juristen, Polizisten, (seriöse) Finanzberater (Gibt`s die noch, und wie erkennt man sie?) u.v.a.m. haben zuweilen auch sehr herbe, bis zu tod- oder bankrotverkündende Informationen und Nachrichten mitzuteilen, die man beim besten Willen nicht mehr positiv konnotieren kann oder gar neutral verabreichen kann. Das gehört zum professionellen Tun. Das bringt umsichtige und schwere Verantwortung mit sich.
Manche Berater (und einige leitende Angestellte auch) wollen lieber ihre konstruktivistischen Mythen retten und ihren Mandanten häufig keinen reinen Wein einschenken (bewusste Täuschung und Betrug, was es ja auch zunehmend gibt, lassen wir hier mal außen vor), weil sie fürchten, der könnte zu sauer sein und das würden die Mandanten nicht hören wollen und würden sie dann vielleicht feuern. Diesen Vorgang bezeichnet man psychologisch als Projektion. Früher wollte man zuweilen dicke Bretter bohren. Heute will man, so kommt es mir vor, flink und unbeschmutzt durch den rigipsverdübelten Ramsch.
Die große Mara Selvini-Palazzoli und ihr Sohn Matteo haben es als erste auf den Punkt gebracht. Schon 1990 schrieben sie den Konstruktivisten des Auer Verlages (erfolglos) diese Mahnung ins Stammbuch:
„Also, wir haben eine große Abneigung gegen Dinge, die erfunden werden sollen. Wir haben ein empfindliches Misstrauen gegen Geschichtenerzählerei, und wenn wir dann hören, dass manche Therapeuten meinen, dass man Geschichten erzählen und erfinden muss. Wir haben da einen empfindlichen Spürsinn, unser Magen rebelliert bei einer solchen Sache. Auch Carl Auer gegenüber haben wir das gleiche Gefühl, und deswegen kennen wir ihn nicht. ...
Es ist unser Ziel, Tatsachen aufzudecken und herauszufinden, was die Eltern mehr oder weniger bewusst zu verbergen suchen. ... Wir sind zu sehr daran interessiert, die in den diversen Familien wiederkehrenden Phänomene aufzudecken. Deswegen können wir sie nicht erfinden, wir wollen sie wirklich entdecken, da wir sonst nicht in der Lage sind, Therapie zu machen. Sie nehmen stattdessen an, der Therapeut könnte da frei erfinden. So ist das.
Carl Auer eine suspekte Person? Nein, meiner Meinung nach repräsentiert er eine bestimmte Richtung des Denkens, die ich nicht mehr teile. Er repräsentiert den radikalen Konstruktivismus.
... der für sich genommen eine sehr positive Sache ist: Es ist die Pfuscherei, welche einige Familientherapeuten daraus gemacht haben, die so schädlich ist. Sie haben ihn häufig für therapeutischen Relativismus und Nihilismus benutzt.
... und um sich vor der therapeutischen Verantwortung zu befreien.“
Damit wurde der radikale Konstruktivismus (entgegen den Intentionen seiner ehrenwerter Begründer, wie Heinz von Foerster oder Ernst von Glasersfeld, (siehe unten den Nachruf zu EvG) zu einer falsch verstandenen Erweiterung des „Anything goes“ von Paul Feyerabend umgemünzt. Feyerabend hatte mit seinem Motto natürlich Emanzipation im Schilde geführt. Er widersprach dem Methodenzwang und meinte stattdessen „Erkenntnis für freie Menschen“, um damit andere Wirklichkeitszusammenhänge und Lebensweltenwürfe „erfinden" können, als den bis dahin häufig geltenden konservativen Mist.
Doch plötzlich war alles ganz anders, Helmut Kohls geistig moralische Wende fand in der Realität statt, alle neuen Werte wurden flink umgedeutet („Umdeutung“ oder "reframing", auch so ein mystifizierendes Schwachsinnskonzept aus der Ericksonschen Hypnotherapie) oder konservativ reanimiert. Plötzlich hieß es: „Wer noch was entdecken will und sich nichts zu erfinden traut, ist ein mutloser und erkenntnistheoretischer Depp von vorgestern.“
Es wurde unter Berufung auf den sechsten Kondratjew (nach dem Agrarzeitalter und der Industrialisierung und dem Energiezeitalter) das Informationszeitalter erfunden. Kondratjew selbst wurde zur Belohnung für seine emanzipatorischen Ideen mal kurzerhand verurteilt und dann erschossen (Der „Prozess" gegen Chodorkowski lässt grüssen).
Aber flugs ging es sogar noch wesentlich weiter in diesem postmodernen Tollhaus. Wer da nicht fein mitspielte, war plötzlich nicht mehr nur ein Depp, soll heißen eine noch fast liebeswerte Mischung aus drollig, harmlos, unbeholfen und dämlich, sondern auch ein gefährlicher Feind aller „progressiven-radikalkonstruktivistischen und rechtgläubigen“ Tendenzen.
Denn, wer bei seinen Mandanten und in deren Innenwelt und Beziehungen nicht nur noch etwas erfinden, sondern auch noch etwas entdecken will, ist nicht nur von hinter gestern, sondern er zwingt seinen Patienten oder Mandanten auch seine imperialistischen, kolonialistischen und negativistischen Konstruktionen als Realität auf, denunziert(e) man.
Das einfältige Strickmuster war stets dasselbe, es wurde nicht mehr ordentlich gelesen, nicht mehr sauber recherchiert oder fair diskutiert, sondern alles nur zu dem empistemologischen Häppchentellern exekutiert, die einem gerade zum Kohlemachen in den Kram passte und bloß nicht schwer im Magen lag. Ein Silbergäbelchen reicht zum dinieren, wo das Silber herkommt, wo es unter welchen Bedingungen, von welchen Heloten aus der Berg geholt, interessiert kein Schwein.
Ein anderer postmoderner Hokuspokus Zauberfetisch war die „Anwendung“ der Pareto Regel. Die „leicht beleseneren“ unter den „Neuen Paretorianern“ ließen sich von Giegerenzers „Bauchentscheidungen“ und „Good Feelings“ soufflieren.
Jeder der schon durch seine mäßigen Noten in Mathe und Physik kundgetan hatte, dass er nicht in der Lage sei, auch nur eine einzige Formel von Kondratjew oder Pareteo nachzuvollziehen, fühlte sich qua sozialpsychologischer Kompetenz berufen, seine emotionale Intelligenz und Gedankentief dadurch unter Beweis zu stellen, dass er Pareto zum Zeugen anrief. Eine ordentliche (und damit zeitraubende) Recherche und Analyse lohne sich nur noch für Zwangsneurotiker, denn wie schon von Pareto mathematisch bewiesen sei, komme man ja in 20 % der Zeit zu 80% Information. Alles andere ist sinnlose „Zeitverschwendung“, die vom Wesentlichen ablenkt. Die Autobiographie gleichen Namens von Paul Feyerabend wart natürlich (meistens) nicht gelesen, soweit man Feyerabend überhaupt kannte.
Der mediale Zwang sich kurz zu fassen und in stenographischen Schlagworten zu formulieren (der auch in der Veröffentlichung dieses Artikelchens in den managerSeminaren sein Unwesen führte) tat sein Übriges.
Ich frage mich nur, was war das Wesentliche für diese „Geistesriesen“?
Der radikale Konstruktivismus wurde zur pseudoprogressiven vorauseilenden Entschuldigungsmaschine, die gleichzeitig im Einklang mit dem neuen erfindungsreichen Zeitgeist stand. Man hatte endlich die geniale philosophische Blaupause gefunden, um scheinbar mitmischen zu können, sich seine Scheibe vom reich gedeckten neoliberalen Buffet absäbeln zu können bis hin zu vorsätzlichem Betrug, Durchstechereien, Bilanzfälschung, Veruntreuung, Konkursverschleppung und bewusster Emission von Schrottpapieren.
Die fundierte und frühe Kritik des radikalen Konstruktivismus von Nüse et al. (1991) oder die Sokal Affäre wurde erst gar nicht zur Kenntnis genommen. Man biegt und dreht sich die Wirklichkeit bedarfsgerecht in konstruktivistischen autopoetisch geschlossenen Zitierkartellen zu einem mentalen Analogkäse zusammen. Non Respondismus, also Nicht-Reagieren, Nicht-Antworten, Verschweigen und Vertuschen als erfolgreiche pseudowissenschaftliche Strategie, denn von der Kritik spricht heute niemand mehr, auf den radikalen Vulgärkonstruktivismus beziehen sich nach wie vor viele (Heinz und Ernst würden sich im Grabe umdrehen).
Schlussendlich wurde (und wird) diesen küchenphilosophischen Dummdeutschschwätzern (Henscheid, 1985) durch einige profilgeile und hirnlose Neurowissenschaftler assistiert. Denn diese Hirnies riefen auch noch unter dem Deckmäntelchen der „Wissenschaft“ schon eifrig nach einer Revision des Strafrechts. Denn da das Gehirn ja alles konstruiert, kann auch keine Person mehr selbstverantwortlich handeln und sich autonom steuern.
Deshalb möchte möchte ich am Ende noch einmal aus der Weisheit des Rock’n’roll zitieren, „Do what you like“ hieß es zwar auch im Text der ehemaligen Supergruppe Blind Faith (Clapton, Winwood, Baker, Grech). Es war die Hymne des Primärprozesses à la 68, aber in dem Song heisst es eben auch:
„Do right, use your head, everybody must be fed
Get to gether, break your head, yes together, that's what I said,
Open your eyes, realize you’re not dead
Take look at an open book, let it cook ... „
Hier trifft sich die Weit- und Weltsicht von Blind Faith mit den Imperativen von Stéphane Hessel.
„Empört Euch!“, Engagiert, Euch! Tut Euch zusammen!“
Wie das alles mit zeitgemässer Beratung zusammenhängt, dazu demnächst mehr im zweiten Teil.
Quellen:
Bueb, Bernhard: Lob der Disziplin. Eine Streitschrift. Berlin: Ullstein 2008.
Dischner, Giesela: Lexikon des Müßiggangs. Bielefeld, Basel: Sirius 2009.
Dixon, Frank: Gross national happiness: measuring what matters. In: Reflections 7. 2006, 3, S. 15-24.
Feyerabend, Paul: Erkenntnis für freie Menschen. Frankfurt: Suhrkamp 1980.
Feyerabend, Paul: Wider den Methodenzwang. Frankfurt: Suhrkamp 1986.
Feyerabend, Paul: Zeitverschwendung. Frankfurt: Suhrkamp 1995.
Giegerenzer, Gerd: Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. München: Goldmann 2008.
Hellinger, Bert: Ordnungen der Liebe. München: Droemer-Knaur 2001.
Henscheid, Eckhard: Dummdeutsch. Frankfurt: Reclam 1993.
Niess, Yorick: Der Geist des Geldes. Polar Film: 2007, DVD.
Nüse, Rolf; Groeben, Norbert; Freitag, Burkhard; Schreier Margit: Die Erfindung/en des Radikalen Konstruktivismus. Kritische Gegenargumente aus psychologischer Sicht. Weinheim: DSV 1991.
Solterdijk, Peter: Du musst dein Leben ändern. Frankfurt: Suhrkamp 2009.
Raddatz, Sonja: Beratung ohne Ratschlag. Systemisches Coaching für Führungskräfte und BeraterInnen. Wien: VSM 2000.
Selvini Palazzoli, Mara u. Mattheo: Carl Auer? Kennen wir nicht und wollen wir nicht kennen. In: Weber & Simon Carl Auer Geist or Ghost. Heidelberg: Carl Auer 1990.
Wagenhofer, Erwin: Let`s Make Money, delphi-film.de: 2008, DVD.
Daten zu: Big Brother, DSDS, GnTM, Wikipedia.
Mai 2011
Tiefenstruktur eines modernen Psychopathen oder
Charaktermaske eines politischen Heiratsschwindlers
Aus gegebenem Anlass möchte ich die Tiefenstrukturstruktur und Charakter(gel)maske eines modernen Psychopathen und seine Interaktionen mit Publikum und Medien kurz illustrieren, gemeint ist der Zauberlehrling der Medienwelt Harry Potter, alias Baron von und zu Guttenberg.
In Fachkreisen ist in der letzten Zeit dem Phänomen der Psychopathie (bzw. Soziopathie, wie man heute sagt) einige Aufmerksamkeit gewidmet worden und mehr oder weniger (populär-)wissenschaftliche Arbeiten sind entstanden. Natürlich haben Psychopathen in diesen Zeiten der Wirtschafts-, Währungs- und Bankenkrisen starke Konjunktur. Es sind gute Zeiten für diesen Typus. Das Publikum ist für gestandene Hoaxer sehr empfänglich, um sich vom eigenen Elend abzulenken und weil es nicht aushält, ständig schlechte Nachrichten zu hören.
Psychopathieforschung
Nach der Definition von Robert D. Hare, dem Dojen der amerikanischen Psychopathieforschung, „sind Psychopathen soziale Raubtiere, die sich mit Charme und Manipulation skrupellos ihren Weg durchs Leben pflügen und eine breite Schneise gebrochener Herzen, enttäuschter Erwartungen und geplünderter Brieftaschen hinter sich lassen. Ein Gewissen und Mitgefühl für andere Menschen fehlt ihnen völlig, und so nehmen sie sich selbstsüchtig, was sie begehren und machen, was sie wollen. Dabei missachten sie gesellschaftliche Normen und Erwartungen, ohne jegliches Schuldbewusstsein oder Reuegefühl.“
Oder soweit sie in öffentlichen Funktionen zugange sind, kleben sie wie Kaugummi an ihren Stühlen. Wenn Hare heute auf sein Forscherleben zurückblickt, bedauert er, seine Forschung überwiegend in Gefängnissen gemacht zu haben und sich nicht mehr auf die Verbreitung der Psychopathie in der Politik und der Wirtschaftswelt gespitzt zu haben, denn da hätte er die schillernderen und weiter verbreiteten und weitaus gefährlicheren Exemplare gefunden, meint er nun bedauernd.
Die lange Ahnenreihe der Psychopathen
Psychopathen haben eine genauso lange Geschichte, wie die Menschheit selbst. Der Urtypus des Psychopathen war der hormongesteuerte, endorphingeschwängerte und schwanzgesteuerte König Gilgamesch von Uruk. Ein „Tugendbolzen“ sowie Rauf- und Saufbold, Weiberheld und Warlord erster Güte. Welch gepflegtes und gegeltes Auftreten hingegen von Herrn Guttenberg.
Gilgamesch hat viele prominente und „tüchtige“ Nachfolger gehabt. Hiob, Prometheus, weite Teile des Personals des Nibelungenliedes, Pygmalion, Don Juan, Faust und Felix Krull, um nur einige wenige zu nennen, stellen jeweils verschiedene Facetten und Typen dieser Spezies dar.
Die großen religiösen Zentralschriften, wie Tora, Bibel, Koran, Veden, Upanischaden, stellen ebenso wie deren Heldenpersonal Christus, Mohammed, Buddha, Krishna, Brahman mit ihren Gebots- und Prinzipienkatalogen die Korsetts zusammen, die vor solchen Entwicklungen bewahren könnten, wenn man sie befolgen würde und sich zum Vorbild nehmen wollte oder nicht noch Schlimmeres daraus ableiten wollte.
Die modernen Smoothie Elite-Psychopathen, die Nieten in Nadelstreifen
Guttenberg ist der Prototyp des modernen Elite-Psychopathen (das soll bedeuten, dass er nur besondere Leistungen in der Psychopathie vollbringt). Er ist in jeder Beziehung das Gegenteil eines Ernst von Glasersfeld (siehe unten). In anderen politischen Verfassungsstrukturen kommt dabei nix anderes als ein Gaddafi heraus. Da ist die Elite-Psychopathie schon seit Jahren zu "vollendetem verbrecherischem Glanz" erblüht. Der Westen und die EU haben diesen Staatsverbrecher im Tausch gegen Öl über Jahrzehnte gestützt, geschützt und mit Hard-, Software und Unterdrückungs- und Folter-Know-How unterstützt. Zu seinen Nachbar(im)potentaten ist das Publikum ohne Not und freiwillig zu seinen Sandkastenspielen in den Erholungsurlaub geflogen, während das Blut unübersehbar aus den Schinderkammern quoll. Hat es dann mal in Djerba geknallt, wurde gleich wieder laut aufgeheult und die Terrorismusgefahr beschworen. Bei der Arschkriecherei gegenüber den Menschenrechtsverletzungen und dem Völkermord in Tibet der Chinesen Regierungskamarilla ist es nicht besser, alles natürlich aus wirtschaftlicher Rücksichtnahme. Auch Guttenberg hat am Hindukusch nur unsere Freiheit, ergo unser Öl, verteidigt. Und solange "Freie Fahrt für freie Bürger" gilt, stimmt das mit der Freiheit am Hindukusch sogar wörtlich.
Julia Friedrichs hat die morbiden Selbstbeweihräucherungstänze und Schaumschlägereien in den narzissmusfiebrigen Feuchtbiotopen der deutschen (Jung-)Elite-Psychopathen(-Schickeria) geschildert.
Interessant ist nun, wie und warum die Umfragewerte bei Guttenberg (noch und wie lange noch) stabil sind. Das wird ganz plausibel und klug von Carl Amery in "Hitler als Vorläufer" beschrieben und erklärt. Im Unterschied zu Hitler ist Guttenberg der moderne Smoothie-Typus des Psychopathen 2.0.
Der moderne Elite-Psychopath nutzt den Abwehrmechanismus der Reaktionsbildung auf Neid und wirtschaftliche Unsicherheit des Publikums, indem er sich als erlösende und heilbringende Identifikationsfigur stilisiert. Dem Publikum bietet er eine Projektionsfläche für sein kollektives Stockholm-Syndrom in der wirtschaftlichen Geiselhaft der Wirtschafts-, Währungs- und Bankenbetrüger.
Er macht dem Publikum nicht nur weis, wie es für das Publikum gerechterweise sein könnte, wenn man nur so (adelig, jung, attraktiv, elegant, intelligent, kenntnisreich, unabhängig, unbestechlich, fleißig, strebsam und ehrlich) wäre wie er, sondern er macht dem Publikum auch noch weis, dass er sich mit seiner ganzen Kraft für das Publikum einsetzt und obendrein unnachsichtig und beherzt - weder Mühen, Kosten noch persönliche Nachteile scheuend - die Schlampigkeiten und Verfehlungen der alten Eliten ahndet und zur Strecke bringt.
Hinter dieser Fassade mehrt er durch dieses Tun seine Beziehungen und Vorteile und nährt dadurch gleichzeitig seine Psychopathie. Diese kann er wiederum nur durch chronische Zufuhr der Akklamationen des Publikums in ihrem unersättlichen narzisstischen Energieverbrauch aufrecht erhalten.
Und machen wir uns nix vor, der begeisterte Teil des Publikums ist natürlich in seiner Tiefenstruktur keinen Deut anderes oder gar besser als der Baron höchst selbst. Es wäre gerne genauso beliebt wie er, es würde gerne seine priviligierten Vorteilsnahmen sein Eigen nennen.
Der Doktorvater ist wiederum auch so eine mediokre Figur, die wegen Namen, "Nimbus" seines "Doktoranden" eine unabhängige Meinung sausen ließ und Noten nach Phantasie und Spenden vergab. Soviel zur Objektivität zumindest mancher Ortes des vielgerühmten Wissenschaftsbetriebs, auch nur käufliche Kleinbürger.
Tanz der Vampire
In den transsilvanischen Volksmythen wird diese Masche durch den untoten Graf Dracula symbolisiert. Dracula kann sein finsteres Treiben nur aufrecht erhalten, wenn er sich einen unablässigen Zustrom frischen oder noch besser jungfräulichen Blutes beschafft. Natürlich ist der Traum eines jeden Vampirs, dass er sich mit legalen Mitteln zum Chef der Blutbank machen kann. Ein moderner vampiristischer Convienence Food Traum. In dieser Liga ist Hitler mit seiner Machtergreifung nach wie vor der Psychopathenprimus. Nach Meinung des klugen Carl Amery aber auch nicht mehr als ein Prototyp, dem „bessere“ und „würdigere“ und nachhaltigere Nachahmer folgen werden.
Mit dieser Schmierenkomödie (mit deren Medienimage der Psychopath sich natürlich selbst längst besoffen gemacht hat) bedient er gleichzeitig die Medien, deren Macher und damit deren Auflagen und Einschaltquoten. Diese bedanken sich wiederum bei ihm mit entsprechender medialer Aufmerksamkeit und Artigkeiten in Form von Hagiographien.
Es wird ein Propagandakreislauf in Gang gesetzt, der an das unheilvolle Zusammenwirken von Ratingagenturen und Bankenschwindel erinnert, bis die ganze Blase in einem betrügerischen Kollaps (hoffentlich) implodiert und sich das Publikum verwundert die Augen reibt, wie es nur wieder so blöd sein konnte, sich Sand in die Augen streuen ließ und schon wieder einem Hoaxer auf den Leim gegangen ist. Je stärker sich das Publikum in seine Abwehrmechanismen engagiert hat, desto unwilliger ist es nach der Implosion natürlich, sich davon zu lösen. Zuviel psychische Energie war in diesem Abwehrvorgang gebunden.
Aber, Guttenberg als Harry Potter der Medienwelt soll ja auch nicht zu hoch gehängt werden, er ist nur ein Symbol des Zeitgeistes. Sein Glück ist die heutige Verfassung, sonst hätte er sich schon tiefer entblättern können. "Witzigerweise" setzt er sich ja gerade mit internationalen Verfassungsthemen "auseinander", natürlich wollte er internationale Karriere machen. Ich hoffe, es gelingt nun nicht mehr. Das kann ich natürlich nicht als Hoffungszeichen oder Fortschritt deuten, der Nächste steht – jetzt noch im Schatten – schon auf der Matte.
Welche Wohltat war doch vergleichsweise Frau Käsmann mit ihrer konsequenten Reaktion auf vergleichsweise geringe Taten. Dass gerade auch ein christliches Weltbild nicht vor solchen Konsequenzen schützt, haben Mixta und Konsorten über Jahrzehnte und in den Absch(l)usswochen demonstriert.
Also, warten wir geduldig auf den nächsten Medienmessias bis zu dessen (schlussendlichen) medialen Himmelfahrt, immer in der frohen Hoffnung, dass er bis dahin nicht zuviel und zu teuren Blödsinn verzapft.
Noch ist Harry Potter Guttenberg im Amt. Ein Bundesrücktrittstag wäre doch auch ein schöner neuer Feiertag.
Sollte Mutti Merkel ihr mediales Zugpferd weiter stützen und schützen, wird das (hoffentlich) auch eine weiterer Nagel zu ihrem politischen Sarg als Wählerstrafe für ihre nassforschen Bemerkungen zur baldigen Landtagswahl in Baden-Württemberg die sie zur Volksabstimmung über Stuttgart 21 erklärt hat..
They never come back gilt leider nur beim Boxen
Nun kommt gerade die Nachricht, Guttenberg ist zurückgetreten, die Stuhlkleberei hat Gott sei Dank nichts genützt. Hoffentlich bleibt er auch eine Fußnote und politische Randnotiz. Zu befürchten ist, dass er wie Michel Friedman nach „Anstandsfrist“ "repromoviert" wie Phoenix aus der Asche zurückkommt und dann noch die Nummer des Geläuterten gibt und von übereifrigen Jugendsünden spricht. Auch diesen Mist wird er dann wieder selber glauben. Ihm würde nur noch eine längere Selbsterfahrungsgruppe zur Selbstrelativierung helfen, aber wer will sich das antun und mit dem Baron in eine Gruppe. Und, wenn es dann "nur" wieder eine Elite-Selbstreflexions- (beweihräucherungs)g(t)ruppe wäre, würde es auch wieder nichts nützen.
Dieses Come Back wird jetzt schon mit dem dummen Gelaber von der zweiten Chance vorbereitet, denn schließlich habe der „gute“ Mann ja kein lebenslanges Berufsverbot. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Berufsverbotsfälle von linken Lehrern und Postboten, die in den Siebzigern wegen unserem heutigen Elder Statesman Schmidt, damals noch Schnauze rausgeflogen sind eine zweite Chance bekommen hätten.
Ich kann mich auch nicht erinnern, dass andere Leute, die wegen einer abgekupferten Promotion relegiert wurden eine zweite Chance bekommen hätten. Von den Kassiererin usw. die wegen 50 Pfennig gerichtlich verk(na)ckt wurden ganz zu schweigen.
März 2011
Ernst von Glasersfeld ein Nachruf
Skifahren auf bunten Wiesen in den blauen Bergen der Vogesen
Die ästhetische Erziehung des Menschen
„Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ ist eine der bedeutendsten pädagogisch programmatischen Schriften deutscher Zunge. Ein Klassiker, dessen Einfluss auf die pädagogische Alltagspraxis in Deutschland leider gering blieb. Man kann sie als Friedrich Schillers Rache an seiner Erziehung verstehen, die ihn zunächst bis 15 zum Bettnässer gemacht hatte und dann den ungeliebten Beruf als Arzt bescherte und den Grundstein zu seinem frühen Tod legte. Erst 1780 mit 21 nach der Dissertation konnte er seinen eigentlichen schriftstellerischen Talenten folgen. Das mag früh erscheinen, es war aber schon die Hälfte seines Lebens. Schiller war wegen seiner Räuber unter das Verdikt des herzoglichen Räubers gefallen, Gefängnis und Flucht waren die Folge.
In diesen 27 Briefen diskutiert Schiller 1795 die Zentralfragen der Pädagogik: Notwendigkeit und Freiheit, Sinnlichkeit und Vernunft, Einbildungskraft und Erkenntnisvermögen, Willkür und Gesetz, kurzum wie erzieht man einen Menschen, der sich jeglicher Barbarei verweigert.
So ein Mensch war Ernst von Glasersfeld. Ernst hatte (große) Klasse in jeder Beziehung und das auf vielen Feldern. Er verkörperte für mich zugleich intellektuelle Gewandtheit, ethische Freiheit, moralische Festigkeit mit der humanisierenden Wucht des konkreten täglichen Handelns. Ernst wurde 1917 in München geboren, er war die Generation meines Vaters, er starb am 12. November 2010.
Skilehrer unter sich, eine pädagogische Fachsimpelei
Wir fanden früh voneinander heraus, dass Skifahren unsere große sportliche Leidenschaft war. Wir hatten beide sehr früh im vorschulischen Alter durch mütterliche Förderung mit dem Skifahren angefangen (und hatten beide teils unerfreuliche Erinnerungen an die Internatszeit). Beide fuhren wir im Oberengadin Ski, Ernst in Zuoz, ich in Pontresina und Sankt Moritz. Dadurch fuhren wir beide schon relativ früh ganz erfolgreich Skirennen. Beide hatten wir eine lebensphaselang als Skilehrer gearbeitet, das hatte uns jeweils finanziert und durch`s Leben getragen. Das war die Basis unseres tiefen Einverständnisses. Unser Interesse an einer emanzipatorischen Pädagogik, die an Schillers ästhetische Erziehung anknüpfte, ging jeweils auf unsere Zeit als Skilehrer zurück. Wir beiden verstanden Skifahren als Chance zu einer umfassenden emanzipatorischen Pädagogik in einer grandiosen Natur. Apres-Ski und andere Skilehrermythen standen dabei weniger im Fokus. Mir war bald klar, dass Skifahren für Ernst die Quelle seiner Viabilitätsideen sein musste.
Ernst hatte zunächst in Zürich an der Uni Mathe studiert und war zuvor an der ETH abgewiesen worden. Ich studierte in den 70er Jahren zunächst in Zürich an der Uni Psychologie und hatte an der ETH einen Nebenjob und eine Dienstwohnung als Skilehrer (die ich mit einem polnischen Edelkommunisten und Professor für Feinmechanik teilte, eine Folie à Deux).
Der entscheidende Unterschied unserer Skifahrerei wurde mir erst im Gespräch mit Ernst klar, es war der skihistorische Kontext. Ernst war nach 1936 als Skilehrer in Australien unterwegs und ich in den 70-er Jahren in den DACH Ländern.
Ernst war also in der prätouristischen und -industriellen Epoche des Skisports als Skilehrer tätig, ich war im ersten Boom des Skitourismus zugange. Zu Ernst Zeiten gab es noch keine Pisten (von Pistenwalzen und Schneekanonen ganz zu schweigen) und fast noch keine mechanischen Aufstiegshilfen, wie Zahnrad- und Bergbahnen, Kabinen-, Sessel- und Schlepplifte. Die „Götter“ hatten vor die Freude der Abfahrt noch den Schweiß des Aufstiegs gesetzt. Eine Minute Abfahren, zehn bis zwanzig Minuten aufsteigen.
1994 besuchte mich Ernst in den Vogesen in Anschluss an das Forum „Management und Konstruktivismus“. Er war 77 und in körperlicher Topform, ich war 42 mit recht übersichtlicher Fitness. Bald waren wir auf einem schneelosen Hang hinter meinem Institut (das damals noch in den Sternen stand) und diskutierten über Skipädagogik und simulierten auf dem Trockenen Skiübungsreihen. Das anschließende Abendgespräch, das sich bis tief in die Nacht zog, war ein Parforceritt durch die Entwicklung der Koevolution von Skitechnik und Skipädagogik. Vom Telemarken (Ernst war ein großer Meister dieser Disziplin) über die Schriften zur alpinen Skitechnik von Mathias Zdarsky, über die Entwicklung vom Stemm- zum Parallelschwung durch Anton Seelos, einer Bewertung des Inner Skiing von Timothy Gallwey und dem Tao des Skilaufs von Balmain. Dann diskutierten wir anhand der Quellen, die ich flugs aus meiner Bibliothek herbei holen konnte, die Imaginationsalternativen beim schnellenden Umsteigen in der Buckelpiste in Abhängigkeit von Hangneigung, Schneebeschaffenheit, Sichtverhältnissen, skitechnischem Vermögen, Kondition und Ausrüstung. Wir spotteten über die „biomechanische Verkrampftheit“ des DSV Skilehrplans und landeten schließlich bei der Viabilität.
Viabilität
Ernst erzählte mir folgende Metapher zur Viabilität: Ein Skifahrer zieht frühmorgens noch in der Dunkelheit los und geht dann stundenlang mit Steigfellen unter den Skiern in großen Zickzacklinien in der gleißenden Sonne und dem glitzernden Schneekristallen dem Gipfel entgegen, dabei teilt er sich klug die Kräfte ein. Ab und zu hält er inne, orientiert sich und korrigiert seine Route. Nach vielen Stunden des Aufstiegs kommt er schweißgebadet am Nachmittag oben auf dem Gipfel an. Er trägt sich ins Gipfelbuch ein, genießt die weite Aussicht, macht eine kleine Rast und stärkt sich mit einem kleinen Imbiss aus seinem Rucksack. Dann schnallt er die Steigfelle ab, bindet sie um den Leib, wachst die Ski und fährt ein halbes Stündchen ab ins Tal. Erst mit Einbruch der Dunkelheit kommt er müde und glücklich in seiner Unterkunft an.
Nur wer diese Art von Touren selber gemacht hat, weiß wovon Ernst erzählte und sieht die Parallelen zum Leben.
Auf meine Bemerkung, dass sich diese luzide Metapher in ihrer sonnendurchfluteten Übersicht doch erheblich und positiv von den mir bisher bekannten im dunklen Wald und Meerenge Metaphern über Viabiltität unterscheidet, meinte Ernst trocken, es war mittlerweile weit nach Mitternacht: Auch ich musste erst manche herbe Erfahrung machen und viele steile Wege gehen, bis ich zu einem gewissen Überblick in innere und äußere Welten gelangte. Den musikalischen Hintergrund steuerten u.a. die Beatles mit: „The Long and Winding Road“bei. Es gibt seltsame Koinzidenzen.
Durch diese Gespräche zur Skipädagogik wurde mir bald klar, dass Ernst jedes Thema mit dem er sich befasst hatte in einer ganzheitlichen Breite und Tiefe erfasst hatte, die selten ist. Viele Jahre hatte ich Kontakt mit den Instruktoren des Demonstrationsteams der deutschen Berufsskilehrer. Phantastische Skifahrer gewiss, sicher weit perfekter und eleganter als Ernst und ich zu unseren besten Zeiten und auch ganz passable Pädagogen, aber keiner von ihnen hatte die Tiefenstruktur des Skifahrens auch nur annähernd so durchdrungen wie Ernst.
Heliskiing gab es auch 1993 schon, nur nicht in der durchgeknallten Quantität, wie heute in der Schweiz. In den meisten anderen europäischen Ländern ist es Gott sei Dank verboten. Ernst - kein Freund von Zwang und Verboten - hätte sich heute für mounten wilderness und das Verbot des Heliskiing eingesetzt.
Pädagogische Verbindlichkeiten
2005 anlässlich der Verleihung des Bateson Preises hatten wir unsere letzte persönliche Begegnung. Dann hatten wir leider nur noch Mailkontakt, bei dem wir unsere pädagogischen Diskussionen fortsetzten und erweiterten. Ich hatte Ernst den ersten Band der Biographie von Hartmut von Hentig zugesandt, immerhin einer der bedeutendsten und leider auch einflusslosesten Reformpädagogen in Deutschland, Ernst war mit seinen Schriften nicht vertraut. Er schrieb mir dazu:
Lieber Peter,
Ich habe mich endlich bis zum Ende der Hentig-Memoiren durchgelesen. Eine nicht gerade amüsante Lektüre, denn der Autor nimmt sich und sein Deutschtum sehr ernst. Mich hat das Buch gefesselt, denn es dokumentiert eine der Weisen, in der Deutsche etwa meines Alters mit der Vergangenheit fertig werden. HvH hat offensichtlich darunter gelitten, dass sein Vater offenbar kein Nazi war aber dennoch mitspielte. Sein Onkel, der 1935 auswanderte, hat die Atmosphäre treffend beschrieben: Bornierte Junker und ein unaufgeklärtes, autoritätsgläubiges Bürgertum (S.344).
Mich stört vor allem, dass HvH trotz aller Emanzipation nirgends klipp und klar sagt, dass der unbedingte Gehorsam, den das Militär verlangt, unmoralisch ist, denn letzten Endes ist jeder selbst für das, was er tut, verantwortlich. Und dann stört mich auch HvH's offenbar unbeeinträchtigte Treue zur protestantischen Ethik. Ich danke Gott, wer immer das sein mag, dass ich atheistisch aufgewachsen bin.
Ich hoffe, es freut Dich, dass ich das Buch aufmerksam gelesen habe, auch wenn mein Urteil Dir vielleicht nicht sympathisch ist. Dein Ernst
Auf den zweiten Band, in dem es hauptsächlich um die Pädagogik HvH geht, verzichtete Ernst dankend, weil ihm die moralische Positionierung HvH nicht klar und eindeutig genug war. Das war typisch für den Vater des Radikalen Konstruktivismus, seine radikale humanistische, pazifistische und antiautoritäre Positionierung ging ihm vor jede inhaltliche und thematische Auseinandersetzung. Das unterschied ihn positiv von manchen seiner „Jünger“.
Ein Besuch am Lingekopf
Es war ein herrlicher Herbsttag hier in den Vogesen, als wir auf dem Schlachtfeld am Lingekopf, einem der „Hotspots“ der kriegerischen Auseinandersetzungen des ersten Weltkriegs waren. Wir hatten auf dem Weg zum Isenheimer Altar im Museum Unterlinden in Colmar einen Zwischenstopp eingelegt. Wir philosophierten über die Quadratmetertotenzahl. In der Schlacht am Lingekopf fielen im Herbst 1915 auf einem Höhenzug von 300 Metern Länge für einen Geländegewinn von ca. 20 Metern ca. 30.000 Soldaten.
Der Lingekopf hinterlässt gerade an solchen sonnigen Herbsttagen immer einen äußerst zwiespältigen Eindruck. Der Sommer neigt sich dem Ende zu, zugleich man spürt aber noch die schwindende Kraft der tieferstehenden nachmittäglichen Herbstsonne. Die Empfindungen changieren zwischen Grauen, aufkeimender Todesangst, praller Lebenslust durchwirkt mit herbstlicher Melancholie. Das Sonnenlicht und die Herbstluft mit ihrem besonderen Geruch komponieren die Melancholie, die Lebenslust wird von dem grandiosen Panoramaweitblick auf die blauen Bergketten der Vogesen hervorgerufen. Sie wirken wie der gezackte Rücken eines tiefschlafenden Sauriers in der Ferne. Man möchte schon immer gelebt haben und niemals sterben. Gleichzeitig zwingen die gut erhaltenen Schützengräben zur hypnotischen Identifikation mit den kämpfenden Soldaten und deren chronischem Bewusstsein bei gleicher Außenwelt, die nächste Minute kann die letzte sein.
Ich wies Ernst auf die subtilen Zeichen des subtilen Stolzes der heutigen Denkmalspfleger am Lingekopf über die respektable Quadratmetertotenzahl hin. Dieser subtile Stolz resultiert aus dem perversen Vergleich, es von der Quadratmetertötungspotenz und vom Grauensquotienten mit weit prominenterem Abschlachtengetümmel an „lauschigen“ Orten in Verdun, wie Höhe Toter Mann, Höhe 304 oder Wäldchen 125 „locker“ aufnehmen zu können. Ich las Ernst an Ort und Stelle aus den Werken seines Vornamensvetters Ernst Jünger vor. Dies war übrigens die bewusste Geburtsstunde der von mir entwickelten Methode des Historiodramas.
Ernst, der nur zwei Jahre nach der Schlacht am Lingekopf geboren wurde, bemerkte, dass wirklich Schlimme sei ja noch nicht mal die Quadratmetertotenzahl, sondern die furchtbare Tatsache, dass die finanziellen Aufwendungen zur Erzielung ähnlicher Quadratmetertotenzahlen in den vergangenen 78 Jahren seit dieser Schlacht ins Unermessliche gestiegen seien und die Kosten kriegerische Auseinandersetzungen zukünftig weiter steigen würden und was man doch Sinnvolles mit diesen astronomischen Beträgen gemacht haben könnte.
Der Radikale Konstruktivismus
Ich bin mir ziemlich sicher, der radikale Konstruktivismus von Ernst wird ein ähnlicher Kult-Klassiker wie Schillers Erziehungsästhetik. Die langfristige pragmatische Alltagswirkung wird allerdings ähnlich begrenzt sein. Emanzipatorische und aufklärerische Denkschulen werden in Deutschland bestenfalls gelobt und mit Preisen geehrt, eine alltagsrelevante und breite Rezeption finden sie leider nur kurzfristig. Gerade in heutigen Zeiten werden sie schneller missbraucht, denn verstanden oder gar mit der rigeroristischen Ethik von Ernst in die Praxis umgesetzt. Der Konstruktivismus wird schnell als relativierende, trivialisierende und komplexitätsreduzierende Begründung zur Durchsetzung und Rechtfertigung von eigenen egoistischen Karriereinteressen und Organisationsentwicklungsschweinereien ins Feld geführt. Allzu oft habe ich es in den letzten Jahren erleben dürfen, dass systemische „Organisationsentwicklungsmaßnahmen“ sich unter Berufung auf den radikalen Konstruktivismus und damit Ernst von ihrer ethischen Verankerung lösten. Das ging dann immer nach dem Motto, wenn doch alles eh nur subjektive Konstruktionen sind, dann kann ich doch bei dieser oder jener Organisationsentwicklungsmaßnahme bedenkenlos, philosophisch und systemisch „abgesichert“ das konstruieren, was die Geschäftsführung und der Profit diktieren. Von diesen billigen, um nicht zu sagen vulgären Ausreden wurde mir über die Jahre körperlich immer übler. Ernst wusste um diese gesellschaftlichen Entwicklungen im anagement und war darüber nicht gerade amused. Die Wirtschftskrise warf ein grelles Schlaglicht auf die Folgen dieses Tuns. Denn, das bemerkenswerteste an Ernst war für mich nicht (nur) sein Werk, sondern die Einheit von Person und Werk, das glaubwürdige Verwobenheit von Biographie, Theorie und Verhalten in der persönlichen Begegnung. Hohe mentale Flexibilität, weite perspektivische Polyokularität gepaart mit ideologiefreier politischer Liberalität bei ethisch eindeutiger Verortung ohne chamäleonhaftes moralisches Lavieren zeichneten Ernst aus (siehe oben). Gegen eine Kommerzialisierung, die schnelle Mark, die wirtschaftliche Ausbeutung seiner Ideen durch ihn selbst war Ernst völlig immun. Er hat sich über die vielen späten Ehrungen gefreut, damit hatte es sich dann aber auch.
Ernst und Emotionen
2005 als ihn anlässlich der Verleihung des Batesonpreises fast die Tränen übermannten, sagte er:
"Ich habe mich in meinem Werk nie explizit mit Emotionen auseinandergesetzt, deshalb bin ich ihnen auch so hilflos ausgeliefert, wenn sie plötzlich kommen, und ich weiß nicht recht, wie ich damit umgehen soll."
Und:
"Der überraschende Geldbetrag dieses Preises erlaubt mir plötzlich ungeahnte Seitensprünge, und das ist in meinem fortgeschrittenen Alter sicher ein ungewöhnliches Privileg und ohne Zweifel verständlich."
Für mich war das Beste und Überzeugendste am Radikalen Konstruktivismus immer die Einheit von Biographie, Werk und Person seines Schöpfers. Seine beispielhafte Mischung aus lockerem und strengem Denken aus Theorie und Praxis waren mir immer Vorbild, Ansporn und unerreichtes Ziel zugleich.
Der Abdruck seiner Person und seiner Stimme werden mich weiter begleiten. Schiller kann ich nur noch lesen, Ernst durfte ich persönlich kennen lernen. Beide waren von ähnlichem Kaliber sie spielten zu verschiedenen Zeiten in der gleichen intellektuellen Liga.
Es macht mich froh, dass ich mich zu den entfernten Freunden dieses großen Denkers, Praktikers und Pädagogen zählen durfte. Seine lesenswerte Autobiographie betitelte Ernst als „Unverbindliche Erinnerungen“. Mir wird er in seiner radikal konsequenten Ethik, seinem strengen Pazifismus und im persönlichen Kontakt immer als äußerst verbindlich und liebenswürdig in Erinnerung bleiben. Ich würde gerne noch mal mit im Skifahren können.
Ich vermisse ihn und die Korrespondenz mit ihm.
Januar 2011
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