Wer nicht von dreitausend Jahren,
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleibt im Dunkeln unerfahren,
mag von Tag zu Tag leben.
J. W. Goethe
Biographie • Familiendynamik • Kontext • Film • Installation • Inszenierung
Entstehungsgesichte des HISTORIODRAMA©:
Das HISTORIODRAMA ist Mitte der 90er Jahre von mir entwickelt worden. Damals habe ich meinen zweiten Wohnsitz in den Vogesen eingerichtet und mich intensiv mit der Geschichte von Elsaß und Lothringen auf den Spuren meines Großvaters mütterlicherseits beschäftigt. Mein Großvater, der Müllermeister Wilhelm Dunkel, war im ersten Weltkrieg in Straßburg stationiert*.
HISTORIODRAMA am Beispiel des Elsaß:
Über viele Jahrhunderte war Elsaß-Lothringen der Zankapfel der deutsch-französichen Beziehungen. Die Wurzeln dieser Streitereien kann man weit zurück verfolgen bis auf den Vertrag von Verdun (843). Hier wurde in der Nachfolge Karl des Großen die Aufteilung des Fränkischen Reiches in drei Teile in die Wege geleitet:
- Westfranken wurde von Karl II dem Kahlen regiert
- Ostfranken wurde von Ludwig II dem Deutschen regiert
- Lotharingien wurde von Lothar II regiert; er erhielt zudem die Kaiserwürde.
Im Lauf der Geschichte hat diese Aufteilung viele Neuauflagen erlebt und weitere Konflikte nach sich gezogen. Die Schlacht von Verdun (1916) kann man als eine moderne "Neuauflage" dieser über 1000 Jahre alten Streitereien verstehen.
Wollte man ein anatomisch-metaphorisches Bonmot machen, könnte man - in Anlehnung an die französische Schriftstellerin Dominique Aubier - das Elsaß als das Corpus Callosum der deutsch-französischen Beziehungen (des deutsch-französischen Gehirns) bezeichnen, oder wie es der bekannteste Elsässer Tomi Ungerer gesagt hat: "Das Elsaß ist das Rückgrat des deutsch-französischen Körpers".
Worum geht es beim HISTORIODRAMA?
Das Elsaß ist als zentraleuropäische Kulturlandschaft eine wahre Fundgrube von prä- und frühhistorischen, sakralen, militärischen und politischen Hotspots. Den Schreckensorten müssen die sakralen Hot Spots, Gärten, Weinberge, Dörfer und Städte gegenübergestellt werden. Beim HISTORIODRAMA geht es nicht um rückwärtsgewandte Ritterspiele, gotisches Münstergestaune, historisierendes Schlachtfeldgegraue oder estoterische Hexensabbaterei an der Heidenmauer am Odilienberg, sondern es geht um das große Lagebild, das Big Picture. Wie ist die Conditio Humana zwischen Krieg und Kirche, in humanethologischer Begrifflichkeit die Conditio Humana zwischen Brutpflege und Revierverteidigung. Es geht um die Frage, ob wir (noch) am Vorabend des "Dritten Weltkrieg" stehen oder ob er längst im Gange ist. An welchen Indizien lässt sich das ablesen? Oder, besteht die letzte Solidarität der Menschheit nur noch darin, die (Um-)Welt zu versauen? Gibt es dagegen (noch) etwas zu tun?
Zur Methodik des HISTORIODRAMA:
Über das Elsaß hinaus stellt das HISTORIODRAMA eine geschichtliche Erweiterung des Genogramms in die Kulturgeschichte dar. Dazu sind genaue Kenntnisse von Landschaft und Familiengeschichte und den wechselseitigen Verwobenheiten notwendig. Das HISTORIODRAMA wird zunächst durch Filme im Cybernetic-Cinema vorbereitet und dann an den entsprechenden geschichtlichen Hot-Spots (Originalschauplätzen) in Anlehnung an psychodramatische Methoden in Aktion gesetzt und durch Lesungen von literarischen Zeugnissen verstärkt. Das HISTORIODRAMA ist (im Unterschied zu den folgenden verwandten Methoden) ein Verfahren, das innerhalb kürzester Zeit (für Laien ohne weitere Vorkenntnisse und kostümierenden Mumenschanz) den Einstieg in geschichtliche Epochen mit Hilfe des Verfahrens der hypnotischen Identifikation erlaubt. Dieses Verfahren, das zwischen primärprozesshafter Einfühlung und sekundärprozesshafter Analyse oszilliert, ermöglicht einen tiefenstrukturellen Einblick in den Zeitgeist der jeweiligen Epoche.
Verwandte Verfahren und theoretische Wurzeln:
Das HISTORIODRAMA ist im Methoden-Hexagon von
- Live Action Role Playing (LARP) und
- experimenteller Archäologie angesiedelt.
Das HISTORIODRAMA bezieht sich in seinen theoretischen Wurzeln auf den britischen Philosophen, Historiker und Querdenker Robin George Collingwood (1889 - 1943). Der Begründer des Radikalen Konstruktivismus, Ernst von Glasersfeld, hat Collingwood wegen seiner Übersetzung von Benedetto Croces Werk "The Philosophy of Giambattista Vico" sehr geschätzt. Vico hatte entscheidenden Einfluss auf Glasersfelds Denken.
Es dürfte auch klar sein, dass diese geschichtliche Einbettung ein entscheidendes Schlaglicht auf die häufig langfristige Entstehungsgeschichte von Problemen, Konflikten und Lösungen wirft; sowohl in Coachingprozessen einerseits, als auch bei Unternehmensreorganisationen anderseits sowie auf die Stellung und Verantwortung von Unternehmen im derzeitigen Zeitzyklus.
In einer "Magical Mystery Tour" habe ich spezielle "Sightseeing" Routen im Elsaß (von ein- oder dreitägiger Dauer) zusammengestellt, die verschiedene historischen Hotspots so miteinander verbinden, dass sich bzgl. bestimmter Fagestellungen ein Big Picture ergibt. Diese Touren führe ich auf Anfrage von Organisationen und Unternehmen durch.
* Peter- W. Gester: Der Ernst des Lebens. Zum Nutzen einiger Konzepte von Ernst Jünger im [MATRIX]-Coaching. In Alexander Pschera (Hrsg.), 2008: Ernst Jünger im Gegenlicht. Bunter Staub. Matthes und Seitz, Berlin
Photo rechts: Mit Ernst von Glasersfeld in Colmar am Museum Unterlinden nach einem gemeinsamen Besuch des Isenheimer Altars und der Linge, 1994.
Das Panoramaphoto oben auf dieser Seite zeigt den Soldatenfriedhof am Hartmannswillerkopf, militärisch knapp mit HWK abgekürzt. Der HWK liegt auf den östlichen Hängen der südlichen Hochvogesen am Rand der Rheinebene, oberhalb des Städtchens Cernay; neben der Linge, dem Violu und dem Fontenelle ein weiterer Hauptkampfplatz in den Vogesen im ersten Weltkrieg (1914-18). Die Zahl der am HWK gefallenen Soldaten wird auf ca. 30.000 geschätzt. Für all diese Schlachtfelder lieferte mein Großvater mütterlcherseits, der Müllermeister Wlhelm Dunkel, mit seiner Versorgungskompanie den Nachschub aus Straßburg.
Das 1957 gedrehte Meisterwerk von Stanley Kubrik "Wege zum Ruhm (Paths of Glory)" zeigt eindrucksvoll die damaligen Ereignisse. In den "Stahlgewittern" erzählt Ernst Jünger mit kaltem Blick seine Sicht der Dinge. In seinem zweiten Weltkriegstagebuch "Strahlungen II" am Anfang der "Kirchhorster Blätter" beschreibt Jünger seine Station hier in Saint Dié auf dem Rückzug vom 15. 8. bis 2. 9. 1944.




