Ich stamme aus einem mittelständischen Familienunternehmen.
1952 kam ich als Hausgeburt in Dunkels Mühle in Plettenberg im Sauerland zur Welt und wurde auf den Namen Peter-Wilhelm getauft. Diese Mühle war das älteste Haus der Stadt und wurde seit 1824 von meiner Familie mütterlicherseits bewirtschaftet. Damals war das mein Ur-Ur-Urgroßvater mütterlicherseits Peter-Wilhelm Dunkel.
Dementsprechend war mein Spitzname: Mühle.
Hier wurde im Rahmen eines größeren Verwandtschafts- und Beziehungsverbandes unter einem Dach gearbeitet und gelebt, alle Übergänge waren fließend.
In Dunkels Mühle drehte sich das Leben um vier Dinge: Die Qualität, die Kasse und die Kommunikation nach außen und innen mußten stimmen, und abends mußte die Arbeit getan sein.
Das komplexe Beziehungsgeflecht in Dunkels Mühle habe ich in der Kinderzeit nie durchblickt.
1959 wurde im Zuge der Stadtsanierung die Mühle abgerissen und neben dran ein neues Geschäftshaus gebaut.
Die Ferien verbrachte ich mit Vorliebe auf einem Einödhof in den sauerländischen Bergen bei Verwandten meines geliebten Stiefgroßvaters Heinrich.
Je älter ich wurde, desto mehr weitete sich meine Perspektive vom Elternhaus auf den umgebenden Kontext. Diese Perspektivenerweiterung lief immer nach einem ähnlichen Muster ab. Es trat zunächst ein Ereignis ein, dann passierte eine ganze Weile nichts, und plötzlich kam eine Wirkung aus einer ganz anderen Richtung.
Ein typisches Beispiel:
Mitte der 60-er Jahre führten meine Eltern Verhandlungen mit der Stadt um eine Grundstücksangelegenheit. Meine Mutter als geschickte Verhandlungsführerin konnte die Sache im Sinne der Familie entscheiden. Der Bürgermeister war mit dem Verhandlungsergebnis weniger zufrieden. Er war der Direktor meines Gymnasiums und mein Deutschlehrer.
Mit einer Tante zweiten Grades entwickelten sich eskalierende Streitigkeiten um die Kosten für eine Grabpflege. Wieder wurde die Angelegenheit im Sinne der Familie beigelegt. Die Tante war meine Englischlehrerin.
Mit anderen Worten, meine schulischen Leistungen wurden zunehmend schlechter. Zudem plagten mich die üblichen pubertären Querelen. Nach dem ersten Sitzenbleiben in der Quarta und einer weiteren Versetzungsgefährdung wachte ich eines Morgens zu meiner traurigen Verwunderung in einem protofaschistischen Internat auf.
Ich beschloß, in Zukunft etwas besser aufzupassen und dafür Sorge zu tragen, dass ich nicht wieder in solch mißliche Zwangslagen geriet. Doch es kam noch viel „besser“.
In dieser Zeit kamen ältere Geschwister von Klassenkameraden am Wochenende vom Studium ins Sauerland und berichteten begeistert von den 68-er Studentenunruhen und empfahlen uns die Lektüre von Karl Marx, Sigmund Freud, T. W. Adorno und H. Marcuse.
Aus dem Radio scholl die entsprechende Begleitmusik.
Die Berufsziele waren für mich bald klar, ich wollte Rockstar, Wehrdienstverweigerer und Psychoanalytiker werden, von den Frauen bewundert, mit jeder Menge Geld und genügend Drogen ausgestattet sein und in der Lage sein, jeden „Feind“ in Grund und Boden zu analysieren oder zumindest diskutieren zu können.
Bei ersten musikalischen Versuchen erwies ich mich als völlig talentfrei. Zur Bundeswehr wurde ich zwangsrekrutiert und landete wegen Befehlsverweigerung bald im Knast.
Zum Psychologiestudium wurde ich auf Grund meines „hervorragenden“ Abiturs wegen des Numerus Clausus nicht zugelassen.
Meine Berufsziele schienen schwer gefährdet und in weite Zukunft zu rücken.
Es wurde dann folgende Mischlösung gefunden: Die Rockstarkarriere wurde durch die verschärfte Beschäftigung mit Stereoanlagen kompensiert, und das war ein teurer Spaß. Dazu mußte in den Ferien in der Fabrik oder bei der Post gejobbt werden. Die Entlassung aus der Bundeswehr samt anschließender Wehrdienstverweigerung wurde mit Hilfe eines gewieften Anwalts durchgesetzt. Das Psychologie-Studium wurde in der Schweiz angetreten. Das letzte Jahr, in dem dies dort noch ohne Numerus Clausus für Ausländer möglich war.
Im Studium ergaben sich allerdings gleich weitere Probleme. In Dunkels Mühle gab es sehr erfolgreiche Lösungs- und Behandlungsstrategien für bestimmte Lebensumstände. Hier wurde direkt interveniert, deutlich die Meinung gegeigt, und hier wurden Blödsinn und Dummheiten ohne lange Umschweife als das erklärt, was sie waren, und Neurosen ungnädig zu seelischen Blähungen und Zeitverschwendung erklärt.
Das war jedoch nach dem, was ich nun im Studium an psychoanalytischen und geprächspsychotherapeutischen Interventionsmethoden zu hören bekam, eine einzige Aneinanderreihung und Anhäufung von Kunstfehlern. Ich übte zwar fleissig, stellte aber fest, dass sich das, was ich im Studium lernte, häufig als unwirksam erwies. Deshalb suchte ich nach Modellen, die die "Kunstfehler" die ich zuhause gelernt hatte, zur Kunst erklärten, die erklärungsstiftende Potenz in Bezug auf Beziehungen und Kontexte hatten, die trotzdem wirksam waren und die sich gleichwohl in ein psychologisches Methodikum integrieren ließen.
Es ist klar, dass ich so bei der Kommunikationstheorie, der Familientherapie und Hypnotherapie nach Milton Erickson landen mußte. Mittlerweile erscheint mir vieles an diesen Modellen und Vorgehensweisen ebenfalls als ausgemachter Unsinn, oder milder gesagt, als psychotherapeutische Folklore, ohne jeglichen empirischen Wirkungsnachweis (Na ja, ich verbuche das mal unter übereifrige Jugendsünden von mir).
Nach einigen Lehrjahren am Institut für Familientherapie in Marburg, nach acht Gesellenjahren in eigener Praxis in Plettenberg und 20 Meisterjahren im Rahmen der igst, Internationalen Gesellschaft für systemische Therapie, der Heidelberger Gruppe und des Zentrums für systemische Forschung und Beratung, habe ich zum Jahresbeginn 2008 das missing-link-institut bei Saint Dié in den Vogesen gegründet.
Hier lehre ich, die von mir in den letzten fünfzehn Jahren entwickelten Beratungs-, Coaching- und Therapiemodelle.
Natürlich kam ich zum jetzigen Institutshaus in den Vogesen nicht aus Zufall, sondern unbewusst planvoll (eine Freudsche Fehlleistung, wenn man so will), denn mein Großvater mütterlicherseits, der Müllermeister Wilhelm Dunkel, war 1914 - 1918 als Soldat einer Versorgungskompanie in Straßburg stationiert*. Er feuerte im ganzen Krieg keinen Schuß ab, verschaffte sich durch das von ihm verwaltete Mehl, in moderner Diktion, „Sex and Schnaps and Rock`n Roll“ und entwickelte seinen Lebenstraum, später in seinem Zivilleben unbedingt ins Elsaß zurückzukehren, weil es da so schön war.
Mein Großvater starb unerwartet im Dezember 1937 im Alter von 51 Jahren an einem Blinddarmdurchbruch. Es blieb anstelle eines erfüllten Lebenstraums ein Familientrauma mit wirtschaftlichen Verwerfungen zurück. Mein heutiges Dasein als Wahlelsässer kann man somit als die verspätete Erfüllung des Lebenstraums meines Großvaters verstehen. Eine Tilgung des Familientraumas im Rahmen einer mehrgenerationalen Familiendynamik, die Erfüllung eines Lebenstraums anstelle meines Großvaters.
Die familiendynamische Forschung berichtet immer wieder davon, dass solche Delegationen ein langes seismisches Nachbeben in mehrgenerationalen Dynamiken haben, auch wenn ich oder gerade weil ich meinen Großvater nicht mehr persönlich gekannt habe.
Das Bruchsteinhaus „La Grange des Aulnés“ bei Saint Dié in den Vogesen wurde 1835 gebaut. Nur 11 Jahre zuvor hatte mein Ur-Ur-Urgroßvater Peter-Wilhelm Dunkel, dessen Vornamen ich trage, 1824 die aus Bruchsteinen gebaute Mühle in Plettenberg übernommen.
Für mich der dritte Grund die Försterei in den Vogesen erworben zu haben und hier Anfang 2008 das missing-link-institut gegründet zu haben.
* Dies habe ich in dem Buch von Alexander Pschera (Hrsg.) 2008: Bunter Staub. Ernst Jünger im Gegenlicht. in dem Beitrag „Der Ernst des Lebens“ genauer beschrieben. Matthes & Seitz, Berlin

