Negative Moderne in Zeiten der Corona-Kraturen

Die negative Moderne und ihre Angst vor dem Sturz ins Nichts in Zeiten der Corona Regime
3/2021, V. 3.2

Erster Teil
Rechts gibt es eine erweiterte Fassung des online-Artikel als pdf.

„Der Sturz ins Nichts ist also ein ursprüngliches Ganzes, eine »Lebenssituation« mit einer spezifischen Gegenwart, die ein spezifisches (Nie-)Gewesensein und ein spezifisches (Nicht-)Künftigsein und (Nicht-)Möglichsein einschließt. Eine zeittheoretische Definition könnte lauten: Als Krankheit bezeichnen wir einen körperlichen oder geistigen Zustand, der die Uhrzeit, das Datum, die Jahreszeit, allen Wechsel und Fortschritt der Zeiten bedeutungslos werden lässt, der den Kranken ins Nichts der Zeit stürzen ließ.“
Sven Hillenkamp, Negative Moderne. Strukturen, Freiheit und der Sturz ins Nichts. 2016

 

A. Zur Orientierung
Seit Mitte Dezember 2020 gibt es die Telegram Gruppe ’Corona PCR and Vaccination Demystified’. Arbeitsfeld und Ziel der transdisziplinären Gruppe, die aus ca. 75 Personen besteht und von Thies Stahl im Umfeld der in Gründung befindenden Partei ’Die Basis’ eingerichtet wurde, sind alltagstaugliche Metaphorisierungen der mikro-und zellbiologisch basierten Virologie und deren polit-historisch rekontextualisierten Einordnungen.
Demgemäß haben sich in der Gruppe Natur-, Medizin-, Sozial- und Geisteswissenschaftler zusammengefunden. Die mikro-biologisch naiven (oder etwas deutlicher dummen) Sozial- und Geisteswissenschaftler staunen tlw. nicht schlecht, wenn sie von den Mikro- und Zellbiologen darüber aufgeklärt werden, mit welchen leichten Veränderungen der Laborarbeiten, wie bspw. durch Temperaturveränderungen oder Sequenzierung man völlig konträre Ergebnisse erhalten kann. Die Sozial- und Geisteswissenschaftler haben verstanden, dass Mikro- und Zellbiologie keineswegs objektive, unbeeinflussbare Naturwissenschaften sind, sondern beim Versuchsdesign der Laborbedingungen der Teufel schon im Detail stecken kann. An dieser Stelle sei eingeflochten, dass spätestens durch Corona klar wurde, dass die Kombination aus disrupter Digitalisierung, Mikro- und Zellbiologie für die nächsten Jahr(zehnte)e die Bedeutung erhalten wird, wie sie Soziologie Psychologie für die Politik und die negative Moderne seit den 60-ern des vergangenen Jahrhunderts hatten.
Zur Diskussion solcher Phänomene hatte sich Th. (Psychologe), A. (Mathematiker), D. (Mikrobiologin), M.(Photographin), V. (Zellbiologin) und P.-W. (Psychologe) in einer Zoom-Gruppe aus Deutschland, Frankreich und Schweden zusammengeschaltet. Bei dem Autor dieses Artikels besteht ein spezielles Interesse: Wie erklärt sich trotz aller Fehlleistungen, Widersprüchlichkeiten und Maßnahmen, dass die Corona-Systeme so fest im Sattel sitzen? Und jenseits des täglich-medialen Flächenbombardements, sich die Geschichten von der ubiquitär lauernden Tödlichkeit oder den verheerenden ’postcoronösen‘ Beeinträchtigungen, plus der quasi unvermeidbaren Ansteckungsnähe mit Corona Viren so erfolgreich durchgesetzt haben und wie könnte das geschichtshistorisch eingeordnet werden?
Dieser Artikel versucht, dbzgl. einige erkenntnisstiftende Zusammenhänge zu erhellen. Den Anlass dazu lieferte ein weiteres Gespräch nach der Zoomdiskussion.

B. Eine Fallvignette
Eine gute Freundin, eine aktive Lehrerin (Deutsch, Sekundarstufe) mit der der Autor im lockeren Kontakt zu politischen Themen steht, meldete sich. Sarah (pseudonymisiert und idealtypisiert) verortet der Autor als politisch sehr wache und aktive Sympathisantin des Wagenknecht-Flügels der Linkspartei. Fr. Merkel und ihre Politik sind ihr ein Gräuel. Sarah hat laut ihrer Selbstaussage, aber auch eine (klinisch manifeste) Virophobie mit Waschzwängen und einem saftigen ‘Putzfimmel und Desinfektionseifer’. (Die familiendynamischen und sonstigen Entstehungsgründe der Virophobie werden hier nicht weiter erläutert.)

Obwohl Sarah und der Autor eher auf bipolaren Enden des politischen Spektrums verortet sind, können sie sich vorbehaltlos politisch austauschen und beharken, mit einer Ausnahme: Corona. Das wurde schon im Frühjahr 2020 deutlich. Sarah ist voll auf Merkel Kurs. Sie vertritt härteste Lock-Down Maßnahmen, befürwortet vorbehaltlos die totale Impfung mit Impfzwang. Erstaunlicherweise lobt und preist, dbzgl. sogar Fr. Merkel. Sarah scheint auf Grund ihrer Virophobie bzgl. Corona mehrfach verriegelt. Da ist bisher nicht mit ihr zu reden, da geht gar nichts.

C. Kollusion individueller Mikro- mit gesellschaftlichen Makrostrukturen
Bei Sarah wird ein interessanter Grundwiderspruch deutlich, ihre Virophobie setzt ihre sonstige kritische Dissidenz auf allen anderen politischen Feldern nicht nur außer Kraft, sondern Corona wirkt spontan immunisierend gegen jegliche coronarelativierenden, -alternativen gar coronarealistischen Informationen.
Interessant ist dabei, dass sich die zwanghaft und sauberkeitsaffine, neurotische Färbung einer individuellen Persönlichkeitsstruktur kollusiv mit den paranoiden Infizierungsängsten einer politisch-medial induzierten gesellschaftlichen Psychose verbindet. Diese Kollusion immunisiert zwar nicht gegen das Corona Virus, aber sie immunisiert das Selbst und seine Psyche zumindest gegen alternative Informationsmutierungen.

D. Kollusionen als mentale Zwei-Komponenten Kleber
Kollusionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie aus unbewussten Komponenten bestehen, deren festverbackene Teile einer bewussten Auflösung nicht mehr ohne hohen emotionalen Aufwand zugänglich oder revidierbar sind. Eben weil die Komponenten mit existentiellen und damit hochemotionalen Ambivalenzen geladen sind, wurden sie aus dem Alltagsbewusstseins in die Tiefenstrukturen des Unbewussten verbannt. Kollusionen stellen sozusagen einen äußerst druck- und zugbeständigen, mentalen Zwei-Komponenten Kleber dar.
Ergo erzählte der Autor, Sarah vom ‘Corona PCR and Vaccination Demystified‘ Forum und welche ebenfalls naturwissenschaftlich äußerst kompetent vorgetragenen, kritischen Anmerkungen und Sichtweisen, der Autor da aufgeschnappt hätte. Weiter berichtete er ihr von seinen Zweifeln an den Narrativen des Hrn. Drosten und seiner Vasallen plus angeschlossenen Merkel Modulen und den daraus resultierenden Maßnahmen.
Dem Autor tönte von Sarah sofort ein deutliches und sehr entschiedenes: «Alles Blödsinn, Kappes, Spinner, Verschwörungstheoretiker entgegen. Drosten und Maßnahmen sind alle durch internationale, wissenschaftliche Studien und renommierte naturwissenschaftliche Institutionen und Organisationen, wie bspw.  … abgesichert. Punktum.«
Wenn Sarah und der Autor sich nicht wechselseitig mögen und schätzen würden, könnten an dieser Stelle zumindest von Sarah’s Seite die Freundschaft und die privaten Querfrontdiskussionen vorerst gelaufen sein.

Der Autor hat Sarah dann von seiner mikrobiologischen Ahnungslosigkeit berichtet und wie er im Forum Augen und Ohren aufsperre und schwer dabei ist, sich mikrobiologisch auf den Stand der Dinge zu katapultieren. Er teilte ihr seine Vermutung mit, dass ihre dbzgl. Ahnungslosigkeit mglw. seine sogar noch übertrifft. Was Sarah unumwunden eingestand. Zusammengefasst scheint Sarah bzgl. Corona noch lange nicht für das erste Gesterianische Postulat bereit zu sein: ‘Die scheinbare Verschwörungstheorie von heute, ist sehr häufig die offensichtliche, historische Wahrheit von morgen‘.

E. Mikro- und zellbiologische Kompetenzen weiter Teile der Ärzteschaft
An dieser Stelle sei auch bemerkt, dass die mikro- und zellbiologischen Kenntnisse vieler (Fach)Ärzte auf Grund ihres Studium selbstverständlich größer sind, als die der breiten Bevölkerung. Gleichwohl kann vermutet werden, dass die Breite der Mediziner auch nur höchst diffuse und lückenhafte Vorstellungen und keine besonders breiten oder keine tieferen Kenntnisse und Kompetenzen bzgl. Mikro- und Zellbiologie bevorraten. Als Messlatte für diese Einschätzung soll bspw. das Einführungskompendium ‚Genetik für Dummies’ gelten, da schnallen viele, aktive Mediziner schon nach den ersten Kapiteln entnervt ab. Ergo stünde ein nicht unerheblicher Teil der (praktizierenden) Mediziner mit seinem zell- und molekularbiologischen Wissenstand dem der Bevölkerung näher, als dem Kenntnisstand ihrer mikro- und zellbiologisch hoch spezialisierten Kollegen in den Laboren und Forschungseinrichtungen.

F. Die Metapher einer mittelalterlichen Bäuerin
Zu einer möglichen ersten Verflüssigung von Sarahs Rebellienzverweigerung entgegen ihren sonstigen Einstellungen hat der Autor die Metapher von einer mittelalterlichen, analphabetischen BäuerIn für Sahra, sich und fast alle anderen Zeitgenossen entwickelt und hat dann den historischen Kontext dieser Bäuerin in einer Synopsis illustriert. Denn in genau dem Zustand dieser BäuerIn befinden sich nicht nur Sarah und der Autor, sondern nach seiner Einschätzung auch 99% der Deutschen, der Europäer und der übrigen Weltbevölkerung. Die Geschichte geht so:

Noch ein letzter Satz, wenn du, Sarah, auf angebliche, internationale Studien in der Drostenschen (oder sonstigen) Molekular- und Impfgenetik verweist, dann hat das für dich ungefähr den Wirklichkeitswert und die evidenzbasierte Urteilssicherheit, als wenn die schon zuvor erwähnte, analphabetische, mittelalterliche BäuerIn ihren Glauben an Gott und ihr dadurch bedingtes Schicksal, damit begründet, dass es in der lateinischen Bibel steht, die sie sowieso nicht lesen kann und auch noch nicht einmal besitzt. Sie glaubt das, weil es ihr der Pfaffe am Sonntag von der Kanzel gepredigt hat. Von dem Gehabe und den Interessen dieser Berufsgruppe gibt bspw. der Pfaffenspiegel 1845 deutliche Kunde.

Die BäuerIn kann also nichts prüfen, schon gar nicht kritisch. Sie kann nur glauben oder sie ist eine sündige Häretikerin, die durch ihre Ungläubig- oder Falschgläubigkeit ins eigene Elend gekommen ist, falls etwas in ihrem Leben schiefgehen sollte oder sie gar stirbt. Sie könnte auch, wenn sie die Klappe ihrer Glaubenszweifel zu weit aufreißt oder andere Glaubensideen oder Dissidenzen bekannt gäbe, plötzlich einen Hexenprozess am Hals haben und über den weltlichen Umweg der Folter und des Scheiterhaufens im ewigen Fegefeuer der Hölle landen.

Damit der BäuerIn die obigen Biographieentgleisungen genau nicht passieren, glaubt sie fromm und brav, was ihr zu glauben von den Pfaffen ex cathedra vorgegeben und obendrein in den leuchtenden und bunten Kirchenfenstern ikonographisch erzählt wird. Und weil es eben in der Bibel steht, die wenn schon nicht von Gott selbst geschrieben, so doch vom ‘lieben Gott‘ und seiner Dreifaltigkeit den Menschen zur Erlösung übermittelt wurde.
Dementsprechend hatte die mittelalterliche BäuerIn zwar die Erlösungs-versprechung eines ewigen, paradiesischen Lebens, wenn sie fromm, keusch und kirchentreu ist und bleibt, aber ihre reale Lebenswelt war von gottgegebener Armut, Krankheit, Seuchen, Krieg, Klima, ewiger Mühsal plus dem Sturz ins Fegefeuer bedroht, dem jederzeit noch die weltliche Transitionsphase einer weltlichen Hexenverbrennung zwischen- oder vorgeschaltet werden konnte.

G. Die historische Einbettungen der Metapher
Wer den Himmel auf Erden sucht, hat im Erdkundeunterricht geschlafen.
Die Geschichte lehrt, wie man sie fälscht.
Stanislaw Jerzy Lec (1909 - 1966)

G.1. Einführung
Ausgehend von der Metapher der unwissenden, analphabetischen Bäuerin, die existentiell auf die für sie nicht überprüfbaren Glaubensvorgaben von Religion und Klerus angewiesen war, sollen in der folgenden, historischen Synopsis die Transitionsphasen vom Hoch- und Spätmittelalter bis zum Beginn des Barock mit einem Schwerpunkt auf die Übergänge von der Renaissance und Humanismus zur Reformation zusammenhangstiftend rhapsodisch sichtbar werden lassen. Diese zeitlichen Übergangsepochen wurde fokussiert, da sie als Vormorderne nach der Beendigung des abendländischen Schismas den Kampf zwischen einer gottgehorsamen Bestimmung des Menschen und einer von sich selbst vorgegeben Bestimmung deutlich sichtbar werden lässt.
Ferner wurden diese Epochen mit einem Blick auf das Elsass gewählt, weil sich dadurch einige Bezüge zu der Biographie des Autors herstellen. Dadurch wird die Nähe und die Aktualität, der politischen Auseinandersetzungen des scheinbar doch so fernen Mittelalters zu den politischen Auseinandersetzungen der Jetztzeit deutlich. Diese mittelalterlichen Übergangsepochen waren durch einen vielhundertjährigen Kampf zwischen Himmel und Erde, zwischen Religion einerseits und Säkularisrung andererseits und der beginnen Globalisierung durch Kolonialisierung und die dadurch ausgelösten disrupten Weltbild-veränderungen gekennzeichnet. Dementsprechend galt in diesen Transitionsepochen als ständige Hintergrund-strahlung eine mal mehr und mal weniger starke Ausprägung der Inquisition als organisierte Verfolgung und Ausschaltung von Häretikern, die sich von christlichen Glaubensvorstellungen abgewandt hatten, qua peinlicher Befragung, Folter, Terror, Gottesurteil bis zur Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Der Hexenhammer von 1486 war ein dementsprechender Kodex zur organisierten Kriminalisierung von Glaubensabweichlern. Neben individuellen Häretikern bildeten sich Gruppen religiöser Abweichler, wie bspw. die Wiedertäufer, die Glaubensfreiheit und eine Trennung von Staat und Kirche forderten. Sie wurden auch durch ihre Verbindungen mit den Bauernaufständen verfolgt. M.a.W. man kann die Epochen des Mittelalters als einen andauernden Kampf sich bekämpfender Glaubens-, Menschen- und Weltbilder zwischen Gott- und Selbstbestimmung verstehen, der mit ausufernder Rücksichtslosigkeit und Brutalität geführt wurde.

G.2. Investiturstreit als Machtkampf zwischen Diesseits und Jenseits
Durch den im Hochmittelalter von 1076 an ausgetragenen Investiturstreit und dann im Wormser Konkordat (1122) wurde das Allein- und Letztinterpretationsrecht der Kirche in eschatologischen Fragen als ‘Gottesgnadentum‘ für die nächsten Jahrhunderte festgeschrieben. Da musste selbst ein Kaiser ganz gewaltig die Ohren anlegen, sonst konnte man schon mal, wie Heinrich IV. (1050-1106) in Canossa (1077) frierend auf der Schwelle hocken und ziemlich kalte Füße bekommen oder, wie später Luther, sich in Augsburg (1518) und Worms (1521) verteidigen und dann auf die Wartburg fliehen müssen, wo er bekanntlich die Bibel übersetzte und damit der Ärger erst richtig losgetreten wurde.
Der Investiturstreit kann als eine hochmittelalterliche Machtprobe zwischen den ‚himmlischen‘ und den weltlichen Mächten und als eine frühe Säkularisierungsabwehr verstanden werden. Es versteht sich aus heutiger Sicht von selbst, dass die Interessen der himmlischen Mächte nicht durch Gott, sondern allein durch dessen Boden-personal vertreten wurden, eben an höchster Stelle dem Papst in Rom und den angeschlossenen Organisationen des Vatikan, der Klöster und Kirchen. In diesem Zusammenhang sei auf die politische Theologie hingewiesen. In der Neuzeit wurde dieser Begriff von Carl Schmitt (1888-1985) geprägt für den jede Politik wiederaufgelegte Spielformen und Abwandlungen dieser alten Projektionen des himmlischen Gottesgnadentums auf die weltlichen Beherrschungsmodelle und ihre scheinbaren Rechtfertigungen darstellten, u.a. deshalb unterschied Schmitt zwischen Legalität und Legitimität.

G.3. Vorreformatorische Bußprediger als Kritiker der Amtskirche
Auf der volksnahen Seite der himmlischen Mächte standen vorreformatorische Bußprediger, wie in Italien bspw. Girolamo Savonarola (1452-1498), der mit dem Fegefeuer der Eitelkeiten 1497 ein Autodafé von unziemlichen Luxusgüter durchführte. Den Busseifer von Savonarola könnten man in einer Analogie zu heute dem Ökofaschismus gleichsetzten, der meint unbedingt die Welt retten zu müssen, egal mit welchen Mitteln, zu welchen Bedingungen und unter welchen Opfern.
Im deutschsprachigen Raum wurde Johann Geiler von Kaysersberg (1445-1510) im Straßburger Münster vom dortigen Magistrat eine eigene Kanzel gebaut. Bis heute tobt um das volksnahe Wirken von Geiler eine heftige Kontroverse, die im Phänomen des sgn. grünen Strahls, im Straßburger Münster sichtbar wird. An den Äquinoktien bündelt zur Mittagszeit das Kirchenfensterbild des grünen Schuh des Stammvaters Juda im Trifonium das Sonnenlicht zu einem grünen Strahl, der dann in einem symbolisch aufgeladenen Lichtspot während ca. 20 Minuten über die Steinplastiken von Geilers Kanzel wandert. Geilers Gönner, der Ammeister Peter Schott (1427-1504) aus Straßburg stand wiederum mit dem Humanisten und sehr produktivem Autor Sebastian Brant (1457-1521) in engem Kontakt, dessen Narrenschiff 1494 (und Freiheitstafel) ein damaliger Bestseller war, der von Johann Bergmann von Olpe (1455-1522) verlegt wurde. Ausgehend vom Brants Narrenschiff schuf Hieronymus Bosch (1450-1516) um die damalige Jahrhundertwende sein Gemälde Das Narrenschiff. Um 1515 wurde im Elsass der bis heute eindrucksvolle Isenheimer Alter von Matthias Grünewald (1480-1530) geschaffen. Erasmus von Rotterdam (1469-1536) war gleichfalls ein Zeitgenosse.

G.4. Johannes Gutenberg und die Folgen
In dieser disruptiven Gemengelage zwischen weltlichen und himmlischen Kräften führte die Kombination aus der Informationsexplosion durch J. Gutenberg (1400–1468) und die Bibelübersetzungen von Luther (1483-1546) ins Deutsche und das dadurch ausgelöste reformatorische Kirchenschisma über den Schmalkaldischen Bund (1531) und dessen Krieg (1546-1547) zum dreißigjährigen Krieg (1618-1648) bis zum Westfälischen Frieden (1648).
Was Luther nicht wusste, als er den Ablassprediger Johann Tetzel (1460-1519) mit seinen 95 Thesen anklagte und von der fürstlichen Obrigkeit keine Resonanz erhielt, war, dass nicht nur der Papst in Rom, sondern auch die regionalen Fürsten am Ablasshandel kräftig mitverdienten. (Die derzeitigen Hinweise auf die politischen Entscheidungseliten mit ihren Selbstbereicherungsverbünden ist ergo keineswegs eine Erfindung der Neuzeit.)
Durch Gutenberg wurden plötzlich Kolportage Flugblätter möglich, die das Publikationsmonopol der klösterlichen Scriptura Stuben durchbrachen. Diese Kolportage Flugblätter wurden auf das Schärfste, aber ebenso vergeblich bekämpft. Dem Mainstream der damaligen Amtskirche waren diese ‚verschwörungs-theoretischen Framings, Narrative und aufgeladenen Symbolismen der Weltuntergangs- und Erlösungsprediger ein Dorn im Auge. Denn die Buß-prediger nahmen u.a.a. das sündige Luxusleben der religiösen Amtsträger auf Kosten des Volkes deutlich aufs Korn. Mit dem Ablasshandel fand die Amtskirche einen Weg, um an der damaligen Bußbereitschaft des Volkes kräftig mitzuverdienen, was über Luthers 95 Thesen zur Reformation führte.

G.5. Säkularer Gegenentwurf zu den Bußpredigern
Den himmlisch ‚beauftragten’ Bußpredigern stand als weltlicher Gegenentwurf in Italien der politische Philosoph Niccolò Machiavelli (1469-1527) gegenüber. Machiavelli verortete die Motive des politischen Tuns nicht in einem himmlischen Gottesgenadentum, sondern in seinem kühlen Beobachten der weltlichen Machtinteressen der jeweiligen Herrschenden und ihrer begünstigten Vasallen.
Auf Grund seiner vielfältigen Schriften kann man Machiavelli als den Begründer der heutigen Staats- und Politikwissenschaft bezeichnen. Machiavelli stand auch dem moralischen Bewertungen und Forderungen der Humanisten skeptisch gegenüber. An dieser Stelle sei auch wieder auf Carl Schmitt und seine Schrift von 1960 hingewiesen: ’Tyrannei der Werte‘. Um diese Zeit waren in Italien die Renaisscanemenschen Leon Battista Alberti (1404-1472) und Leonardo da Vinci (1452-1519), sowie Sandro Botticelli (1445-1510), Raffael (1483-1520), Michelangelo (1475-1564), Tizian 1490-1576) zu gange und in Deutschland war es Albrecht Dürer (1471-1528).
Natürlich waren mit dem Übergang von der Renaissance zum Barock die Weltbild- und Religionskämpfe nicht beendet, sondern sie gingen bis weit in Aufklärung weiter. Es seien hier nur auf einige Ereignisse, wie in England das elisabethanische Zeitalter, die Ermordung von Maria-Stuart (1542-1587) und die Verfolgung der Atheisten der School of Night (um 1597) und der späteren Melancholiker. Sowie wie in Frankreich die Hugenottenkriege (1562-1598) mit der Bartholomäusnacht (1572).

G.6. Weitere disrupte Einflussfaktoren
G.6.1. Die Kopernikanische Wende

Nikolaus Kopernikus (1473-1543) leitete mit der Kopernikanischen Wende das heliozentrische Weltbild ein. Bereits 1492 schuf Martin Behaim (1459-1507) den ersten Globus. Aufbauend auf Beobachtungen von Tycho Brahe (1546-1601) entwickelte Johannes Kepler (1571-1630) ab 1609 die Keplerschen Gesetze, gleichwohl wurde noch 1616 Galileo Galilei (1564-1641) von der Kirche der Häresie-Prozess gemacht. Erst 1992 fast 400 Jahre später wurde Gallilei von der Kirche rehabilitiert.

G.6.2. Die Entdeckung der Neuen Welt
Auslöser und Folge dieser Entwicklungen war, dass ausgehend von Heinrich dem Seefahrer (1394-1460) und den portugiesischen Navigationskenntnissen Christoph Kolumbus (1451-1506) 1492 Amerika entdeckte und der Kartograph Martin Waldseemüller (1472-1520) aus der humanistische Schule von Saint Dié 1507 eine Weltkarte herausgab, in der zu Ehren von Amerigo Vespucci (1454-1512) die neue Welt als Amerika bezeichnet wurde. Im Anschluss an das Ende der Reconquista (1492) und als Folge der Völkermorde der indigenen Kulturen Südamerikas durch die postkolumbischen Konquistadoren, wie bspw. Hernan Cortés (1485-1547), Francisco Pizarro (1477-1541) und Lope de Aguirre (1511-1561) flossen Krone und Klerus der iberischen Halbinsel ungeheure Menge an Gold und Silber zu. Die Makro-Sphären der Globalisierung und des Weltinnenraums des Kapitals finden hier ihren Anfang. Einhundert Jahre (1637) später platzte die erste Spekulationsblase bei der holländischen Tulpenmanie.

G.6.3. Zeitzeugen des Dreißig-jährigen Krieges
Bspw. haben Peter Hagendorf (1601-1679), Andreas Gryphius (1616-1664) und Christoffel Grimmelshausen (1622-1676) authentische, zeithistorische Zeugnisse hinterlassen, die bis heute gut nachvollziehbare, atmosphärische Zeitabdrücke liefern.

G.6.4. Pestpedemien, Lepraverbreitung und Klimaanomalien
Die mittelalterlichen Pestepidemien (ab ca. 1370) und die Lepraverbreitung korrespondierten mit den einsetzenden, mittelalterlichen Urbanisierungs-verdichtungen.
Weiter wurden die tiefenstrukturellen Unruhen der damaligen Epoche auch noch durch die mittelalterliche Eiszeit bzw. die mittelalterlichen Klimaanomalien (1570-1630 usw.) moduliert.

G.6.5. Die Bauernaufstände
Beide vorherigen Faktoren waren neben Leibeigenschaft und daraus resultierender Armut weiterer Auslöser und Motor dieser tiefenstrukturellen Umbrüche und lösten die zahlreichen, regionalen Bauernaufstände vom 15. bis 17. Jahrhundert aus. Bspw. sind Thomas Mützner (1489-1525), Georg Metzler (ca. 1500-1525), Jäcklein Rohrbach (ca. 1498-1525), Jakob Wehe (+1525) und Michael Gaismair (1490-1532) bis heute bekannte Anführer der Bauernauf-stände, auch Götz v. Berlechingen war in die Bauernaufstände verwickelt.
Ergo ca. 200 Jahre tiefenstrukturelle, gesellschaftspolitische Verwerfungen in Zentraleuropa mit Millionen von Toten, auf Grund von Technik, Kultur, Religion, Weltbild, Klima und Seuchen durch Veränderungen mit beginnender Urbanisierung. Aber damit waren auch die Grundlagen für den Barock und die sich daraus ableitende Aufklärung gelegt.

H. Die negative Moderne
Vergleichbares wie im historischem Kontext der Metapher in leicht veränderten Kulissen und Gewändern scheint sich zur Zeit abzuspielen. Allerdings je nachdem, wo man den Ausgangspunkt festgelegt, nicht über 200 Jahre gedehnt, sondern eben im Sinne der negativen Moderne und ihrer Angst vor dem ‚Sturz ins Nichts‘ dromologisch turbobeschleunigt. M.a.W. stolen hefting und langanhaltende Kämpfe um Weltbilder, politische Macht und den daraus abgeleiteten Deutungshoheiten und die damit einhergehende Narrative und Framings zur Absicherung von Letztinter-pretationen von Wirklichkeiten, keine neuzeitlichen Phänomene dar, sondern es sind alt bekannte Konflikte und politisch, ideologische Kampflinien zur der Herrschafts- und Privilegienabsicherungen.

Es stellt sich die existenz- bzw. geschichtsphilosophische Frage: War damals oder heute die schlimmere Epoche? Damals waren die eschatologischen Dystopien sehr konkret: Zwar Sturz ins Fegefeuer, aber ggf. durch vorherige Buße, gottgefälliger Keuschheit und jüngstem Gericht das ewige Leben. Ewiges Leben und Fegefeuer waren damals keine Metaphern, sondern unumstößliche Manifestationen von Himmel und Hölle, die durch den Scheiterhaufen als weltliche Vorform des Fegefeuers eindrücklich inszeniert wurde.

Heute in der negativen Moderne geht es zwar (noch!) etwas smarter zur Sache, aber die eschatologischen Ängste bleiben diffuser Natur. Die Angst vor dem ‘Sturz ins Nichts‘ sind wissenschaftliche, aber prätanatologische Eschatologien durch Wissenschaft und Erösung durch Impfung. Da das ewige Leben bekanntlich abgeschafft wurde, sind sie in ihrer Erlösungswirkung für das Leben vor dem Tod aber wesentlich höher aufgeladen und vermitteln den Trost einer menschen-gemachten Kontrolle, wenn man tut was einem geboten wird.

G. Schlussfolgerungen
Mglw. gibt es kein besser oder schlechter, sondern jede Epoche schafft sich ihre zeitentsprechenden, metaphorischen Utopien und Höllen, will sagen propagandistischen Narrative und Framings. Darüber, was und wieviel davon man in seine Glaubensvorstellungen und Geisteshaltungen übernehmen möchte, entscheidet man selber, wenn man  sich dazu entschließt.
Es entsteht der Eindruck, dass, wie das bzgl. der Virologie abläuft und wie an diesen Bedingungen gedreht werden kann, mind. 99% der Weltbevölkerung einen vergleichbaren und für sie (nicht) nachprüfbaren Wissensstand haben, der dem (nicht) nachprüfbaren Wissensstand einer mittelalterlichen, analphabetischen BäuerIn entsprach.
Dementsprechend sind diese mind. 99% der Weltbevölkerung in ihrem Verhalten bzgl. Corona nicht durch ihr Wissen oder eine naturwissenschaftliche Nachprüfbarkeit, sondern ausschließlich durch einen propagandistisch aufbereiteten und massenmedial verbreiteten voraufklärerischen Glauben gesteuert: 99 % der Weltbevölkerung befinden sich bzgl. des naturwissenschaftlichen Wissens über Corona im gleichen Zustand wie das gottesfürchtige Volk des voraufgeklärten Mittelalters, während die naturwissenschaftlichen ’Hirten’ und die Politbonzen von heute an dem wissenschaftlichen Ablasshandel genauso gerne mitverdienen, wie die mittelalterlichen Fürsten.
Was aus der parlamentarisch nicht mehr kontrollierten Lock-Down Politik an bleibenden Grundrechtsentzügen entwickeln wird, ebenso wie aus dem Unterschied zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften wird sich ggf. schneller manifestieren als es einem vmtl. lieb ist.

Ausblick auf den zweiten Teil
Im zweiten Teil werden Dynamiken und Tiefenstrukturen der kollusiven Verkoppelungen samt ihrer Abwehr- und Rationalisierungsmechanismen genauer untersucht; dadurch soll die Wirkungswucht der Corona Narrative aufgedeckt werden. Aus welchen sichtbaren Oberflächen- und welchen nicht-sichtbaren Tiefenstrukturen bestehen diese seltsamen Mehr-Komponenten-Kleber, aus denen die nahezu untrennbaren und fast unzerstörbaren, quasireligiösen Glaubensüberzeugungen über Corona angemischt sind und dabei auch noch als naturwissenschaftlich abgesicherte, alternativlose Tatsachen wahrgenommen und widerstandslos akzeptiert werden. Mit Bezug auf den amerikanischen Verhaltensforscher John B. Calhoun und seine Nagerexperimente (‚Ratte ohne Raum‘) hat der zweiten Teile den Arbeitstitel: ‚Aufstand und Rebellienz der Ratten‘. Denn in Analogie zu Calhouns Experimenten sind die Ratten in diesem Falle wir alle. Und wenn die ’Ratten’ nicht zeitnah gegen die Corona-Regime aufstehen, dann könnte das zu einer bitteren Realisierung von D. Eisenhower's (1890-1969) Weisheit führen: ‚Wer in einer Demokratie einschläft, muss damit rechnen, in einer Diktatur aufzuwachen!‘