„Beim ersten Zuhören richtet das Lebewesen sein Hören auf Indizien; nichts unterscheidet auf dieser Ebene das Tier vom Mensch: Der Wolf horcht auf das (mögliche) Geräusch im Walde, der Hase auf das (mögliche) Geräusch des Feindes, das Kind, der Verliebte horchen auf die näher kommenden Schritte, die vielleicht die der Mutter oder des geliebten Wesens sind.
Das erste Zuhören ist sozusagen ein Alarm. Das zweite ist ein Entziffern; was man mit dem Ohr zu erfassen sucht, sind Zeichen. Hier beginnt vermutlich das Menschliche: Ich höre zu, wie ich lese, das heißt nach bestimmten Codes.“

Roland Barthes, Der Körper der Musik (1964)

In der Ericksonschen Hypnotherapie spielt die Wahrnehmung schwacher Signale, der "Minimal Cues" (Atem, Hautverfärbungen, ideosensorisische und ideomotorische Veränderungen), eine wichtige Rolle zur Steuerung von Tranceprozessen. In der Alltagskommunikation, sowie Beratungs-, Therapie- und Moderationsgesprächen oder Geschäftsverhandlungen ist die Wahrnehmung dieser schwachen Signale schwieriger, da die Personen im Wachbewusstsein sind und sprechen, gestikulieren und sich dabei weniger oder mehr bewegen.
Dafür beinhaltet im Wachbewusstsein der Stimmklang die schwachen Signale zur Dekodierung der physiologischen Spannung, der emotionalen und der Stressbeteiligung sowie der emotionalen und biographischen Tiefenstruktur. Voraussetzung ist, dass man die schwachen, im Klang der Sprech- und Singstimme enthaltenen Signale zu dekodieren versteht.
Jenseits der dynamischen aktuellen Hinweise kann man bei Mehrpersonengesprächen von dem individuellen und zeitstabilen Klang einer Stimme auf die Tiefenstrukturen in der Beziehungskonstruktion der jeweiligen Sprecher schließen und dadurch Beratungs-, Moderations- und Therapiegespräche steuern. In dem mli Brand polyration wird u.a. darauf zurückgegriffen.

Stimmanalytische Wahrnehmung schwacher Signale fördert inhaltsunabhängig die Intuition, Exploration, Navigation, Hypothesenbildung und Prozesssteuerung in jeder Art von Gesprächen.  Hierfür werden in diesem Seminar die Ohren geöffnet, die theoretischen Grundlagen erläutern sowie Übungsbeispiele und Trainingsmethoden dargestellt.

Da die Stimmanalyse weder eine Hokuspokus-Methode noch ein Voodoo- oder Schlangenöl-Verfahren und nicht nur eine Kunst ist, sondern insbesondere auf solidem Handwerk in der akustischen Wahrnehmungs- und Differenzierungsfähigkeit beruht, wird sie am einfachsten durch wiederholt angewandtes Üben erlangt und verbessert. Deshalb darf man sich von diesem Seminar im Fach Stimmanalyse keine Wunderkur versprechen. Aber es werden auf jeden Fall Türen zu neuen Wahrnehmungsräumen aufgeschlossen und neue Horizonte in der akustischen Wahrnehmungs- und Differenzierungsfähigkeit durch vielfältige Beispiele demonstriert, durchgespielt und angeregt.
Dafür steht u.a. ein digitalisiertes Stimmarchiv mit vielen Beispielen "akustischer Konserven" zu Analyseübungen zur Verfügung.

In diesem Seminar werden verschiedene Gesprächssituationen in Rollenspielen simuliert und anhand der schwachen Signale in den Stimmen der SprecherInnen gesteuert.

Zur Entwicklungsgeschichte der Stimmanalyse
Die Stimmanalyse  wurde seit 1984 von dem Gambenspieler, Kirchenmusiker und Komponisten Niklas Trüstedt und mir entwickelt. Während dieser langen Jahrzehnte unserer Zusammenarbeit wurde die Stimmanalyse in den Grenzbereichen von Handwerk, Kunst und Gesellschaftstheorie entwickelt.
Seit dem  Stimmanalyse-Seminar 2016 hat sich Niklas Trüstedt (leider!) aus Altersgründen zurückgezogen, da er sich auf die Fertigstellung seines umfangreichen, musikalisch-kompositorischen Werkes konzentrieren möchte.

Die völlig singulären, stimmanalytischen Fähigkeiten von Niklas Trüstedt beinhalteten zwei Zentralhypothesen:
Das Obertonprofil der Stimme ist der sowohl zeitstabile, als situationsabhängig dynaxisch fluktuierende akustische Fingerabdruck eines Menschen.
Die beiden zentralen Hauptanalyseparameter einer Stimme liegen im kurz- und im langwelligen Frequenzbereich.
Kurzwellig: Oberton bzw. Formantenprofil einer Stimme. Langwellig: Körperresonanzstruktur einer Stimme.
M.a.W. das klangliche Obertonprofil einer Stimme einschließlich der Körperresonanzstruktur kann man somit als die akustisch geronnene und gleichzeitig dynaxisch fluktuierende Persönlichkeits- und Körperresonanzstruktur, sowie stimmklanglich geronnene Biographiegeschichte und Lebenswelt einer Person verstehen.