Der Fall des Kollegen Roger Willemsen?

2008 schrieb Roger Willemsen sein erhellendes Buch „Der Knacks“ mit Bezug auf „The Crack-UP“ von F. Scott Fitzgerald über (s)eine unrückhol- und unheilbare Resilienz(zer)störung. Hier erwähnte er auch seinen eigenen Urknacks. 2011 folgten „Die Enden der Welt“ über einige der Loci terribile (Schreckensorte) am „Arsch der Welt“ dieses Globus. 2013 ging er als Zuschauer für ein Jahr in den Bundestag und schrieb „Das hohe Haus“. 2014 erfolgte eine weitere Beschäftigung mit dem Thema Politik durch die Lesungen. 2015 erkrankte Willemsen an Krebs. Wie könnte das zusammenhängen?

Die Psychosomatik ist heute kein medizinideologisches Orchideenfach mehr, dessen Ergebnisse man glauben kann oder auch nicht, denn die Ergebnisse der Psychoimmunologie sind doch mehr als evident und empirisch belegt. Gleichwohl sollte man keine vorschnellen und simplifizierenden psychosomatischen Theorien schnitzen. Auf der anderen Seite will man als erfahrener Kliniker natürlich sinnstiftende Erklärungszusammenhänge zwischen einzelnen biographischen Ereignissen herstellen. Zumindest als vorläufige Arbeitshypothesen, um einzelne Lebensereignisse aus Sicht des Behandlers in Verstehens- und aus Sicht des Klienten in einen Sinnzusammenhang bringen zu können. Damit sind die beiden Perspektiven der Kohärenz kurz beschrieben.

Laut A. Antonovsky sind die drei Grundvariablen des Kohärenzgefühls oder Kohärenzsinnes

Comprehensibility = Verstehbarkeit
Manageability = Manchbarkeit
Meaningfulness = Bedeutsamkeit

Aus diesen drei Grundvariablen geht auf etwas ‘magische‘ Art der Kohärenzsinn hervor als ein zusammenfassendes und gleichzeitig lebensentwurfsteuerndes Sinnkonstrukt, das Salutogene (Gesunderhaltung) bewirken soll. Dieses Sinnkonstrukt ist die tiefenstrukturelle Essenz des biographischen Narrativs. Es erklärt dem jeweiligen Biographieinhaber die Gewordenheit seines Lebensentwurfes, navigiert Person und Lebensentwurf durch die Gegenwart und koordiniert das mit den zuküftigen Zielen und Erwartungen.

Bekommt eine Person die drei Zeitdimensionen ihrer biographischen Selbsterzählung nicht mehr kohärent, sinnstiftend auf die Reihe, dann sklerotieriert die Resilienz. Sie wird spröde, brüchtig bis sie am Ende einen irreparablen Knacks erfährt. Der Krug hat durch eine starke Erschütterung einen Sprung bekommen und hat aufgrund dieses Sprungs einen anderen Klang bekommen und wäre aufgrund dessen möglw. nicht mehr ganz ‘dicht‘. So könnte eine entsprechende Metapher lauten. Ein solcher Knacks, ein solchermaßen sklerotisierte Resilienz hat entsprechend negative Einwirkungen auf das psychoneuronale Immunsystem, und der Eigentümer des Immunsystems wird krank. Er hat sich zulange zuviel von etwas zugemutet (bspw. zum Broterwerb zumuten müssen), zudem er nicht rechtzeitig genug ‘Nein‘ gesagt hat. Der Krug ist solange zum Brunnen gegangen, bis er einen Knacks bekommen hat.

Mit diesem kleinen Theoriegerüst könnte man nun die Arbeitshypothese aufstellen, dass sich eine eindruckssensible Person, die wie Roger Willemsen mit offenen Augen durch die Welt bzw. durch das Parlament geht, sich doch durch die intensive Beschäftigung mit den politischen Oberfächenstrukturen des realexistierenden Konsumismus etwas zu viel des „Guten“ zugemutet haben könnte. Und sich dieses zu viel des „Guten“ in einer Sklerotisierung seines Resilienzsystems niedergeschlagen haben könnte und dann als Folge zum Ausbruch seiner Krankheit geführt haben könnte.

Bei meinem geringen Kenntnisstand bzgl. Roger Willemsens Erkrankung eine gewagte Arbeitshypothese. Gleichwohl erscheint es nach meinen eigenen Erfahrungen bei einer intensiven Beschäftigung mit dem politischen Apparat sehr plausibel, genau auf die Dosierung(en) zu achten, mit der man sich die Realitäten des politischen Apparates zu Gemüte führt. Und dabei im ganz bewussten Gegenzug sehr genau auf die erhaltende Pflege und anti-fagile Stärkung der eigenen Resilienzelastisierung und Rebellienzausübung zu achten. Denn gerade (s)ein Jahr im Bundestag und eine intensive weitere Beschäftigung mit der politischen Kaste der Betrugsökonomie im entarteten Raubtierkapitalismus (Galbreith) bleibt nicht im Kleide hängen. Zumal dann nicht, wenn man über den politischen Apparat auf die Art und Weise wie Willemsen ein vernichtendes Urteil fällt. Man merkt den Beobachtungen und Analysen von Willemsen an, wie enttäuscht bis angewidert er die politische Kommunikation unserer „repräsentativen“ Entscheidungseliten (bis auf wenige Ausnahmen) erlebt.

Nachtrag im Februar 2016: Roger Willemsen ist bedauerlicherweise am 7. Februar seiner Krankheit erlegen. Ich hatte immer noch in der milden Hoffnung gelebt, dass Roger Willemsen die Kurve kriegen möge.

Das ist neben der persönlichen ‘Katastrophe‘ für Roger Willemsen auch deshalb sehr bedauerlich, weil damit nach Frank Schirrmacher ein weiterer medial prominenter Kritiker des Seven-Sisters-Komplex „weg vom medialen Fenster“ ist. Denn Kritiker des Seven-Sisters-Komplex von solchem Kaliber, die gleichzeitig einen solchen Zugang zu den Medien haben wie Schirrmacher und Willemsen, wachsen leider auch nicht so schnell nach wie Wildspinat. Ich bedauere den Tod von Roger Willemsen sehr, denn ich habe damit einen Bruder im Geiste und im Herzen verloren.

Aus diesem Grunde beschäftige ich mich seit Herbst 2014 zum Ausgleich der politökonomischen Zumutungen und dbzgl. Forschungstätigkeiten wieder mit einer intensivierten (Natur-)Photographie. Die Knipserei mit den Reisekameras hat auf die Dauer nicht nur den scharfen, analytischen Blick getrübt und die Fähigkeiten zur ästhetischen Bildkomposition vergammeln lassen, sondern es waren zeitlich längere Atempausen und tiefere Reflexionsphasen des hektischen Alltags geboten. 

Denn wie bemerkte der (nicht besonders alt gewordene) polnische Aphoristiker Stanislav Lec (1909-1966) über den Zusammenhang von Himmel und Erde: „Wer den Himmel auf Erden sucht, hat im Erdkundeunterricht geschlafen."