Die (hypno-systemischen) Verbände

„Ich möchte keinem Club angehören, der mich als Mitglied akzeptiert.“

„Das Geheimnis des Lebens ist Ehrlichkeit und Fairness. Wenn man das vortäuschen kann, hat man es geschafft.“

„Politik ist die Kunst, nach Ärger zu suchen, ihn zu finden, ihn inkorrekt zu diagnostizieren und die falsche Behandlung zu verschreiben.“

Gaucho Marx (1890-1977)

Bevor ich mit den Wölfen heule, werd‘ ich lieber harzig, warzig grau, verwandele ich mich in eine Eule oder vielleicht in eine graue Sau. Reinhard Mey

In der Medizin
haben sich Verbände zur Wundbehandlung des Körpers seit der Antike bewährt. Sie dienen verschiedenen Zwecken, wie bspw. Schutz vor Umwelteinflüssen, Schutz vor mechanischer Belastung, kosmetische Wundverdeckung, Ruhigstellung, Versteifung, Kompression, Blutstillung, Sekretaufnahme, Schmerzlinderung, Arzneiapplikation oder einfach auch nur Placboeffekten.

Cui bono?
Nicht viel anders verhält es sich mit den Funktionen von berufs- und fachvertretenden Interessensverbänden. Allerdings muss bei dieser organisationellen Spezies im Unterschied zur Medizin in Haupt und Gliedern der Nutzen hinterfragt werden: Wem nützt das? Nur den Funktionärscliquen aus den Selbstbereicherungsverbünden oder auch dem Verbandsvolk? Oder hat es da in jüngster Zeit erhebliche Interessensverschiebungen gegeben und wenn ja, warum?

FIFA, OK DFB, ADAC
Zunächst ist für Funktionäre der Verbands- und Partei-Bonzokratien, die sich selbstverständlich im Schweiße ihres Angesichts Tag und Nacht (häufig auch noch ehrenamtlich) für ‘ihre‘ Mitglieder ‘einsetzen‘ der Nutzen sonnenklar. Denn schon im Kleingartenverein zur Verteidigung der Gemeinnützigkeit des deutschen Gartenzwergs organisieren Schneewittchens little helpers ihre Interessensausgleiche. Dementsprechend ließen sich kürzlich bei etwas größeren Agglomerationen vom Kaliber des ADAC über die FIFA bis zum DFB die Maschen der Funktionärseliten aus den Selbstbereicherungsverbünden auf das Trefflichste studieren. Ebenso zeigt sich hier die überindividuelle Unveränderbarkeit solcher Verbände. Es macht wenig Unterschied, ob ein Sepp Blatter die FIFA korrumpierte oder ein Hr. Infantino, von der werbewirksamen, kindlichen Unverdorbenheit in seinem Namen einmal abgesehen, die allerdings jenseits der Selbstbedienung nur noch im Sinne von ‘infantil‘ durchdekliniert werden konnte.

Verbände als Gesinnungskonkurrenzen
So werden zum Trost der frustrierten Mitglieder die systemischen Fachverbände zu Gesinnungsverbänden des politischen Mainstreams umgebaut. Damit sich die Mitglieder wenigstens durch eine Teilhabe an der einzig richtigen (systemischen) Haltung und den Kampf für eine zukunftsrettende Gesinnung trösten können. Man könnte sich fragen, wo sind die Intellektuellen bei diesen Prozeduren abgeblieben? Die Verbände sind nicht längst schon zu Vorfeldern der sozialpolitischen Flügel des Mainstreams verkommen, sondern viele Verbandsfunktionäre haben längst (möglichst diskret) ihre Parteibücher in der Gesäßtasche oder wurden sogar von ihren Parteien zur Einübung von smarter Governance in die Verbände entsandt.

High Noon der Fassadendemokratie
Daher wird am Vorabend der absaufenden Fassadendemokratien den symbolischen, wertegeschwängerten Selbstbekundungen der politischen Funktionscliquen von jeglichen Verbänden seitens ihres Verbandsvolks ein Glaubwürdigkeitsquotient zwischen Weihnachtsmann und Osterhasen zugebilligt.

Vom Glaubens- zum Kulturkrieger
Aus Sicht einer aufgeklärten Außenperspektive sind kreationistische Christenfreaks, deren Welt von Gott in sieben Tagen als Scheibe erschaffen wurde, einfach nur Spinner, die eine ‘Scheibe‘ haben, selbst die FIFA ist schon um eine Kugel organisiert. Innerhalb ihrer Parallelgesellschaften sind die kreationistischen Glaubenspriester natürlich die Verkörperung einer religiösen Offenbarung an sich. Die Mitglieder solcher Glaubensgemeinschaften wollen nicht ihre Sekte reformieren, sondern die Welt missionieren, nebenher führen sie munter Glaubenskriege gegen minimal Andersgläubige. Von einer aufgeklärten transreligiösen Meta-Religion sind sie so weit entfernt wie die Kuh von der Raumfahrt. Die Rolle der Glaubenskriege haben in den säkularisierten Parteien die Kulturkriege und in Verbänden die jeweiligen fachlichen Bürgerkriege plus Kulturkriege übernommen.

Psychotherapeutische Bürgerkriege
Was in der Parteienlandschaft noch klar scheint, wer Parteigenosse bei X ist, kann nicht gleichzeitig Kamerad in der Y-Partei sein, ist in psychotherapeutischen Fachverbänden mtlw. prinzipiell anders und dadurch schlimmer. Approbierte Psychotherapeuten können neben ihrer Zwangsmitgliedschaft in der Kammer gleichzeitig Mitglied in verschiedenen Fachverbänden sein.
Schon in den 30er Jahren, während der Alleinherrschaft der Psychoanalyse, legten die Glaubenskriege zwischen Freudianern und Kleinianern die IPV lahm. Heute in der therapeutischen Multipluralität geht es erst mal richtig zur Sache. Während die Therapieforschung mit guten Gründen für den Wandel zu einer schulenübergreifenden, polytheoretischen und multimethodischen Meta-Therapie plädiert, exekutiert die schulenorganisierte Verbandspolitik therapeutische Glaubens- und Bürgerkriege, die mtlw. noch durch politische Kulturkriege ideologisch aufgeladen werden.

Groß frisst Klein?
Während alle Welt nach dem Motto ‘Groß frisst Klein' fusioniert, leisten sich bspw. die systemischen und hypnotherapeutischen Szenen den unbezahlbaren Luxus von konkurrierenden Verbänden, nur die Coaching-, Box- und Kampfsportverbände treiben es noch doller. Wäre das nicht so, so wären endlose Garnituren von Nieten in Nadelstreifen so überflüssig wie Gulasch am Ärmel und ihr kostenfreies Funktionärsleben wäre perdu. So sorgt jede Clique zuerst für ihr verbandliches Überleben und frühestens danach für den Rest, aber auch das nur in Ausnahmefällen.

Existenzielle Bedrohung der Verbände
Aber die Verbände werden durch mehrere Entwicklungen massiv bedroht. Wenn dadurch die Verbände und ihre Funktionäre ihre Machtbasis und ihre Daseinsberechtigung verlieren, dann wäre es mit dem lustigen Funktionärsleben bald vorbei. Noch wiegen sich viele Verbände dbzgl. in Sicherheit, aber an vielen Beispielen konnte man in den letzten Jahren studieren, wie schnell die Verhältnisse heute in ihr Gegenteil kippen können, gestern noch expandierender Weltmarktführer, heute Atemnot, morgen mausetot, jeder kennt die Beispiele.
A. Therapieforschung
Die Therapieforschung will nun den Therapieschulen aus guten Gründen an den Kragen. Bis heute etablieren die Verbände ihre Macht und ihr Geld aus der Anerkennung und Zertifizierung von schulengebundenen Aus- und Weiterbildungen. Wird die Gelddruckmaschine ihrer Franchise-Systeme zur Zertifizierung von schulengebundenen Aus- und Weiterbildungen bedroht, gilt es, frühzeitig neue Mitgliederbindungen zu erfinden. Dazu haben die Verbände verschiedene Instrumentarien entwickelt.
B. Polypragmatik der Mitglieder
Jenseits eines schulengebundenen Verbands hat sich in den Niederungen des Verbandsvolks eine multimethodische Polypragmatik jenseits aller Therapieschulen herausgebildet, die sich um Therapieschulen zunehmend weniger schert. Ergo haben sich neben den bisher starken Schulenverbänden, eher schwache Tätigkeitsverbände gegründet, wie bspw. zur Supervision, zum Coaching, zur Organisationsberatung u.v.a.m..
C. Kassenverträge
Es gibt starke Verbände, die Therapieschulen vertreten, die Kassenverträge ermöglichen und andere eher schwache Verbände, bei denen das nicht der Fall ist und nie sein wird.Die systemische Therapie kommt nun nach einem vierzigjährigen Kampf in den ‘Genuss‘ von Kassenverträgen. Aber das ist nur für ganz wenige Mitglieder ein Segen, für die Masse der Mitglieder wird das zu einem abwertenden und damit bedrohlichen Fluch. Das müssen die Verbände 95 % ihrer Mitglieder, die niemals Kassenverträge bekommen werden schön reden, damit eine neue Mitgliederbindung erzeugt wird.
D. Qualitätsgaranten
Denn durch die Kassenzulasung der Systemiker werden nun unterschiedliche Qualitätsstufen erzeugt, über die die Verbände keine definierende Hohheit mehr haben. Es gibt ab jetzt völlig unabhängig vom individuellen therapeutischen Erfahrungs- und klinischem ‘Kampfgewicht‘ Systemiker erster bis vierter Klasse. Die bisherigen Zertifikatsgleichwertigkeitsversprechen sind perdue. Das wird die Verbände bös in die Bredouille bringen.
E. Politische Verortungen
Spätestens seit der erzwungenen Emigration der Freudschen Sippe durch die Gestapo der Nazis haben sich die Mitglieder von Psychotherapieschulen immer (m)eher links, internationalistisch und flüchtlingsfreundlich verstanden. Dementsprechend war und ist man immer unterwegs, den Zeitgeist und seine biologischen Träger im Sinne der ‘Wahrheit‘, des ‘Guten‘ und des ‘Fortschritts‘ zu missionieren. Da, wie oben bereits erwähnt, die fassadendemokratische Parteienlandschaft durch Mitglieder- und Wählerschwund am Vorabend ihres Untergangs angekommen ist, hat sich eine politische Koalition der vom Untergang bedrohten Mainstreamorganisationen entwickelt. Und so werden die linken Netzwerkopportunisten der Verbände zur tröstenden Mitgliederbindung bald weitere Buzz-Thematiken des Mainstreams wie bspw. dem Klimanationalismus mittragen. Kulturkampf Positionen wie Multi-Kulti, Anti-Rassismus, Kampf gegen Rechts, Minderheitenschutz u.v.a.m. sind schon im Programm, aber bitte keine kühlen Analysen oder gar wirtschaftlicher Sachverstand. Wo sollte das auch herkommen?
F. Weitere Herausvorderungen
Neben den zuvor genannten neuen Außenanforderungen an die Verbände gibt es weitere Veränderungsanforderungen an die Verbände, die wie die vorherigen Anforderungen auf den Unterseiten der einzelnen Verbände einer genauen Analyse unterzogen werden.

Verbandsspotting
Wer dabei nicht mehr brav und folgsam mitspielen will, der bekommt die Guantánamo-Seite des westlichen Wertekanons präsentiert. Dabei ist die Grundstruktur politischer Konflikte grundsätzlich in psychologische Kategorien der Abwertung umzubiegen. Solcherlei Aufklärungsanalytik können sich nur  Zeitgenossen leisten, die wirtschaftlich vom Verbandsunwesen völlig unabhängig sind. Die Verbände werden alles daran setzen, kritische Transparenzvorhaben im Keim zu ersticken. Daher ist es dringend geboten, die aufgrund tiefenstruktureller Verkrustungen reformunwilligen und -unfähigen Verbände von außen zu beobachten, ihre politischen Tiefenstrukturen und die Machenschaften ihrer netzwerkopportunistischen Funktionscliquen zu analysieren. Der ‘pseudoneutrale‘ Euphemismus für Hinterzimmerpolitik, Küchenkabinette und Klüngelskram heißt heute Netzwerken; darin sind gerade die Systemiker die ganz großen Meister, meinen sie. Wie man wirklich netzwerkend wirkt, zeigt Larry Fink von Black Rock. Larry macht als Darth Vader des Kasino Kapitalismus den Larry und vertritt 14 mal mehr Pulver als die Deutschland AG. Was mit dem Klima oder der Autoindustrie usw. usw. geschehen wird, bestimmt Larry und nicht die schwadronierenden Wertephantasten der Psychoverbände. Das mag einem gefallen oder nicht, mir gefällt es nicht, aber so ist es.

Der Krisenkern der Fassadendemokratie
Die den Kapitalismus zähmenden und ressourcenverteilenden Aufstiegsgesellschaften während des Kalten Krieges haben sich im neuen Jahrtausend in die Abstiegsgesellschaften des Neoliberalismus gewandelt. Heute versuchen die Funktionseliten, ihrem Wahlvolk zunehmend vergeblich plausibel zu machen, warum das Wahlvolk für immer weniger Bezahlung immer mehr Arbeit leisten soll. Ein Instrument ist eine Simplifizierung der säkularen Glaubensgemeinschaften zu demokratieverkürzenden Gesinnungsgemeinschaften. Der Kampf für die richtige Gesinnung soll über die Bedrohungen durch den wirtschaftlichen Abstieg hinwegtrösten. Auf solcherlei Betrugsmanöver können sich nur Verzweifelte einlassen.
Aber vergleichbare Umdeutungsleistungen haben insbesondere die systemischen Verbände zu leisten, deren Mitglieder langsam kapieren, dass sie durch die Kassenzulassungspolitik ihrer Verbände in den letzten Jahrzehnten bös hinter die Fichte geführt wurden. Das nützt zwar den Funktionseliten in den Weiterbildungsvertirebsinstituten, aber nicht 98 % des Verbandsvolks. Das spürt zuerst die Nachteile und hat demnächst auch das Nachsehen. Neuester systemischer Framingverblödungsballon, die Anerkennung als Kassenverfahren strahlt positiv auf alle Systemiker aus. Ein solche schönsprechende Tretmühle könnte fast wieder nur ‘unsere‘ Metaphernqueen Fr. Wehling ersonnen haben. Bei ihr hängen die Bilderrahmen wegen einer Melange aus Geld und Gier auch schief. Dass von diesen Entwicklungen eine profunde Ausstrahlung ausgeht, stimmt, nur ist sie nicht positiv, das ist bloß Marketingrauschen der Funktionseliten in eigener Sache. Hauptsache sie glauben diesen Unfug selber, ein gutes Gewissen ist bekanntlich ein sanftes Ruhekissen. Für den Kontostand ihrer Institute zahlen sich solche Stories allemal aus.
Übrigens, falls es noch nicht jeder wissen sollte, es waren zuerst (mir gut) bekannte Systemiker, die - gegen Honorarnote natürlich - mit ihren ‘lebensverschönernden‘ Metaphernbaukästen in den Redaktionsstuben der Öffentlich-rechtlichen den giftigen Keim der Weltverschönerung nur durch Wörter eingepflanzt hatten. Fr. Wehling war nur die letzte Stufe zum finalen Abkassieren für ein Heuchelmanual auf Intendantenebene.