Das leichtfertige Verspielen der Redefreiheit im systemischen Feld, schon 1996

Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung. R. v. Weizsäcker (1920-2015)

Der australische Philosoph Peter Singer steht wegen seiner Thesen zur Ethik seit über zwanzig Jahren im Kreuzfeuer von Auseinandersetzungen. Dadurch wurde er gleichzeitig und ungewollt zu einer Symbolfigur für Redefreiheit und gegen Political Correctness. Was darf heute noch öffentlich zu wissenschaftlichen Positionen gesagt werden? Deshalb sollen hier nicht die inhaltlichen Positionen der Ethik von Peter Singer nachgezeichnet, sondern die gravierende Einschränkung der Redefreiheit im systemischen Feld aufgezeigt werden, denn die greundgesetzlich ‘gesicherte‘ Redefreiheit (Artikel 5) wurde 1996 in Heidelberg durch eine Ein- und Ausladung von Peter Singer leichtfertig und aus Profitgier verspielt.

Was passierte 1996 in Heidelberg?
Die Heidelberger Gruppe hatte Peter Singer, einschließlich gewichtiger Gegenstimmen, wie den Mainzer Rechtsphilosophen Norbert Hoerster, den Bonner Neurochirurg Detlef B. Linke und den querschnittsgelähmten Autor Claudio Kürten zu einer kontroversen Debatte auf den Kongress „Fundamentalismus und Beliebigkeit in Wissenschaft und Therapie“ eingeladen.

Was schon im Vorfeld passiert war
Bereits 1989 wurde ein Symposion mit Peter Singer auf Einladung der Lebenshilfe der größten Elternvereinigung für geistig Behinderte in der Bundesrepublik, in Marburg wegen massiver Proteste und Drohungen abgesagt, gleiches geschah mit einer Veranstaltung an der Universität Dortmund. Es gab schon 1993 weitere Terrordrohungen gegen eine Veröffentlichung Singers beim Rowohlt Verlag.
Das Heidelberger Institut bzw. die Heidelberger Gruppe waren also hinreichend vorgewarnt und hätte sich auf die Erpressungen gegen grundgesetzliche verbriefte Grundrechte vorbereiten können und müssen. Die Heidelberger hatten natürlich mit dem Marketingfaktor von Singer's Prominenz als Teilnehmermagnet kalkuliert, aber für die Folgen dieses Marketingkalküls wollten sie natürlich nicht einstehen, sondern verrieten lieber den Artikel 5 des Grundgesetzes.

Anstelle von GG Artikel 5 der systemische Tetralemma Trick
Das Tetralemma ist ein Modell von meinem alten Freund und Kupferstecher Fritz B. Simon. Dieses Modell soll bei Ambivalenzen Entscheidungen zwischen ‘einerseits-andererseits‘, ‘sowohl als auch‘ und ‘ganz was anderes‘ vorantreiben. Nach dieser Hacke wurde auch bei Peter Singer operiert, anstelle davon sich eindeutig auf die Seite des Artikel 5 des Grundgesetzes zu stellen. So machte Simon  damals, wie er meinte eine ‘geniale systemische sowohl als auch‘ Intervention. Peter Singer wurde wegen der Proteste aus ‘Sicherheitsgründen‘ vom Kongress ausgeladen und dann auf dem Kongress per Video aus Erlangen zugeschaltet.
Die Zeit berichtete mehrfach, ebenso wie das deutsche Ärzteblatt und viele andere Organe von den 1996 Vorfällen um Singer in Heidelberg.
Es sei nur am Rande kolportiert, dass natürlich damals Sicherheitsbedenken nicht die entscheidende Rolle für die Ausladung von Singer spielten, sondern die Befürchtung, dass der Kongress ein wirtschaftlicher Flop werden könnte, weil einige Teilnehmer und Referenten mit einer Absage gedroht hatten, wenn Singer nicht (und zwar subito) ausgeladen würde. Auf der politischen Seite machten neoliberale CDUler wie Hubert Hüppe, Dr. Peter Liese und Peter Altmaier gegen Singer Stimmung. Was sind Singers steilste Thesen für Harmlosigkeiten im Vergleich zu den politischen Entscheidungen, die diese ehrbaren Politbonzen der Fassadendemokratie in den letzten zwanzig Jahren verzapft haben.

Das Schicksalsjahr der westlichen Demokratien
Der Historiker Timothy Garton Ash (vgl. den nächsten Beitrag) verortete 1989 als das Schicksalsjahr der westlichen Werte und Demokratien. Also nur sieben Jahre nach dem Schicksalsjahr bzgl. der Redefreiheit verspielte das Heidelberger Institut für systemische Forschung ohne wirkliche Not die Redefreiheit im systemischen Feld. Und das auch noch ausgerechnet auf einem Kongress zum Thema „Fundamentalismus und Beliebigkeit in Wissenschaft und Therapie“. Die Protagonisten des Heidelberger Instituts wollten die wissenschaftliche freie Rede demonstrieren und verrieten schon bei leisestem Gegenwind die Redefreiheit. Und noch ehe der ‘Hahn dreimal gekrähte‘ hatte, hatten sie auch noch das Grundgesetz über Bord gehen lassen. Und das alles Dank eines systemischen Entscheidungsmodells bei Ambivalenzen. Eine stramme Leistung.

Die  Totengräber der Redefreiheit im systemischen Feld
Damit war im systemischen Feld ein politischer Verrat am Artikel 5 des Grundgesetzes vollzogen und diese kommunikationsmarkierende Zäsur des systemischen Feldes und seiner weiteren politischen Entwicklung zementiert. Fritz B. Simon (und Kollegen) wurde so metaphorisch gesprochen zum Judas der grundgesetzlichen Rechte, insbesondere des Artikels 5 im systemischen Feld. Wenn man es psychologisch verharmlosend beschreiben wollte, waren dies vorauseilenden Bücklinge von systemischen Haltungsopportunisten an die heraufdämmernde Hypermoral der resilienzlabilen Generation Schneeflocke.
Spätestens heute über zwanzig Jahre rückblickend kann die damalige Ausladung von Peter Singer nur als ein politisches Frühwarnsymptom des heutigen Verschwindens der Redefreiheit verstanden werden. Aber auch damals war den Beteiligten schon sonnenklar, was zur Debatte stand. Sie haben es vorgezogen, den Schwanz einzuziehen und kamen sich dabei auch noch ziemlich gewitzt vor.
Und so ist Redefreiheit im systemischen Feld heute in Sonntagsreden eine fromme Wunschvorstellung, aber in der Praxis eine Schimäre. Rede- und Publikationsverbot wird heute im systemischen Feld schon bei den minimalsten Abweichungen vom Mainstream exekutiert.

Grundgesetz(verrat) und Populismus
Simon, der damalige Protagonist des systemisch inszenierten ‘sowohl als auch‘ Grundgesetzverrats ist übrigens derjenige, der im Frühjahr 2019 ein neoliberales Gruselsbuch zum Populismus verzapft hat. Ohne Kenntnis jeglicher Literatur und der Debatten zum Thema versucht sich Simon als aufklärender Verteidiger der Demokratie und deren Freiheit aufzuspielen. Das macht ausgerechnet derjenige, der die Demokratie und deren Grundgesetz schon 1996 in Praxis aus wahrlich populistischen Motiven leichtfertig verraten hatte und sich ohne Not den rhetorischen Drohgebärden von politischen Vorformen der heutigen kulturmarxistischen Antifa unterwofen hatte.
Das fiel ihm politisch um so leichter, weil er natürlich nicht systemisch, politisch neutral war, sondern als professioneller Netzwerk-Opportunist eine verbaler Kulturmarxist ist.

Systemische Kehrwochen intellektueller Kleinbürgerei
Wie uns der Blaue Engel und Professor (Un-)Raat von Klaus Mann gelehrt haben, ist der Kleinbürger eine intellektuelle windige Figur. Seine opportunistische Doppelmoral besteht an der Benutzeroberfläche aus politischen Euphemismen (also Schönschwätzereien des gerade ethisch Angesagten) und in der Tiefenstruktur nicht nur der ständigen Bereitschaft, schon bei leichtem Gegenwind die verbriefte Freiheit autoritären Anforderungen zu opfern, sondern diese Opfergänge wenn möglich zur Absicherung der eigenen Geschäftstätigkeit zur Norm der eigenen Echokammer zu etablieren.
Die Tetralemma Ausladung von Peter Singer war die tiefenstrukturelle, politischen Urszene der heutigen un-, aber festgeschriebenen Unfreiheiten und politischen Maulkörbe des systemischen Feldes, wie sie bspw. in der Querfrontaffäre und vieler anderer Vorfälle sichtbar wurden.
Dass eine solche Figur wie Simon Geschäftsführer und entscheidender Anteilseigner des systemischen Carl-Auer-Verlags ist und wöchentlich in seiner systemischen Kehrwoche seine intellektuellen Kleinbürgereien verbreitet, während er sich als unabhängiger intellektueller Großbürger zu verkaufen versucht, wirft ein besonders grelles Schreckens- und Zerrbild auf die mtlw. schrägen Standards der systemische Szene.
Aber man muss solche Figuren nur lange genug im Blick haben, dann brechen sie früher oder später wie Fr. Merkel am ganzen Körper zitternd unter den fatalen Rückwirkungen ihres Tuns zusammen. Die Folgen ihrer Tyranneien müssen allerdings stets andere ausbaden.

Ungehörte Warnungen
Peter-W. Gester war zwar Mitglied des Heidelberger Instituts für systemische Forschung als Organisator dieses Kongresses, aber er war an der Vorbereitung und Durchführung dieses Kongresses nicht beteiligt. Gleichwohl versuchte er, seine damaligen Kollegen zu überzeugen, den verbalen Drohungen der Singer-Gegner nicht nur keinen Millimeter nachzugeben, sondern ihnen gegenüber in die Offensive zu gehen und den Artikel 5 des Grundgesetzes mit Haut und Haaren zu verteidigen. Aber es kam bekanntlich anders.