100 Jahre 1914 - 1918 in Bertrimoutier
2018 fanden europaweit Gedenkfeiern zum Ende des Ersten Weltkriegs, der ersten Urkatasthrophe des 20ten Jahrhunderts, statt. Stanley Kubrick drehte den kongenialen Antikriegsfilm „Wege zum Ruhm“ und Dalton Trumbo einen der eindruckvollsten Filme überhaupt. Die Kämpfe im Nordwesten der Front wurden von Erich Maria Remarque und Ernst Jünger u.a. in den Stahlgewittern, dem "Wäldchen 125" und dem "Schmerz" beschrieben.
Jünger selbst kam erst im August 1944 während der zweiten Urkatasthrophe für ca. zwei Wochen nach Saint Dié und beschreibt diese 14 Tage in seinem Tagebuch „Strahlungen“.
Die Frage der deutsche Kriegsschuld
Eine der zentralen Fragen war, ist und bleibt laut Artikel 231 im Versailler Vertrag die Frage der deutschen Kriegsschuld : „Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben.“
Bis vor wenigen Jahren galt die alleinige deutsche Kriegsschuld als in Stein gemeißelt. Beginnend mit dem Historikerstreit 1986/87 wurde langsam eine Revision der deutschen Kriegsschuldfrage eingeleitet. Der australische Historiker Christopher Clark teilte 2012 in seinem Werk „Die Schlafwandler“ die Kriegsschuld unter allen beteiligten Kriegsmächten auf. Die Sendung „Mit offenen Karten“ versucht, ein ganzheitlicheres Bild dieser Frage zu erzeugen, und Willy Wimmer und Wolfgang Bittner nehmen in den Nachdenkseiten eine umfangreiche Reflexion der Kriegsschuldfrage vor. Mtlw. hat sich durch die Bücher von Helmut Röwer oder A. Bülow sowie W. Effenberger, J. Macgregor die Kriegsschuldfrage zuungunsten der Siegermächte umgekehrt und erweist sich zunehmend als ein konstruierter Mythos, nach dem Motto: die Verschwörungstheorie von gestern ist die historische Wahrheit von morgen. Der französische Historiker Georges Demartial (1861-1945) hatte bereits vor 90 Jahren in seinem Werk „Die dreiste Fälschung“ die Konstruktion der deutschen Kriegsschuld durch die Franzosen dekonstruiert.
Die Kämpfe in den Vogesen
Wie auch immer die zentrale Frage der Kriegsschuld endgültig entschieden wird, gerade zum Kriegsbeginn waren auch die Vogesenkämme sehr hart umkämpft. Wenige Meter von Frontverschiebungen in die eine oder andere Richtung kosteten tausenden von Deutschen und Franzosen das Leben.
Dementsprechend gibt es bis heute in den Vogesen verschiedene berühmt-berüchtigte und tlw. gut gepflegte und erhaltene Schlachtfelder, die an die Härte, die Schrecken, das Leiden und das Sterben während der Vogesenkämpfe erinnern und mahnen. Zwei der größten und besterhaltensten Schlachtfelder sind der Lingekopf und der Hartmannswillerkopf (mit einem neuen Museum); und ganz in der Nähe des mli bei Saint Dié zwischen dem Col de Saint Marie aux Mines und dem Arbre de la Liberté, auf den Höhenzügen der Mittelvogesen, der Tête de Violu. Er liegt oberhalb der kleinen Gemeinden Ban de Laveline, Wissembach und Bertrimoutier, die damals in das lokale Kriegsgeschehen involviert waren.

Die Feierlichkeiten in Bertrimoutier
So fand am 11.11. 2018 (unfreiwillig ironischerweise ab 11:00 Uhr) neben der Kirche Saint-Jacques-le-Majeur am Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Dorfes von Bertrimoutier bei göttlichem Herbstwetter eine Gedenkfeier zum 100jährigen Kriegsende statt. Es hatten sich zu dieser Gedenkfeier Vertreter der Regional- und Lokalpolitik, der Gemeinde, der Sicherheitsorgane und Vereine, wie bspw. der Feuerwehr und Kirche, sowie Teile der ländlichen Bevölkerung einschließlich der Schulkinder eingefunden. Natürlich beklagten einige Dorfbewohner auf dieser Gedenkfeier auch den Tod ihrer gefallenen Vorfahren.
Die sichtbare Benutzeroberfläche
Auf der Benutzeroberfläche dieses güldenen Herbsttages spiegelte sich in den blankgewienerten, silberglänzenden Helmen der Pompiers die Ahnung eines France profonde, ein göttliches Frankreich wie es 1927 zwischen den Kriegen von dem im Sauerland gebürtigen Friedrich Sieburg in seinem Buch „Gott in Frankreich“ geschildert wurde. Man konnte sich mühelos in eine frankophile Trance katapultieren lassen, die um die romantische Frage nahe am Kitsch kreiste: „Warum hat Gott die Franzosen so lieb und hat ihnen dieses wunderbare Land und Volk geschenkt. Ein schönes Land, das sie 1914-1918 so heldenhaft und tapfer unter großen Opfern gegen den angreifenden Hunnensturm aus Germanien verteidigen mussten.“ Die offizielle Lithurgie der Feier sollte auch suggerieren: „Ach wie gut, dass nun seit 1945 dank der EU und ihres aufopferungsvollen, politischen und gewählten Personals in Europa der ewige Friede, Freude, Freiheit, Eierkuchen und Wohlstand garantiert sind.“

Die nicht-sichtbare Tiefenstruktur
Jenseits der sichtbaren Benutzeroberfläche der nahe am nationalen Kitsch laborierenden Gedenkfeier gab es in der nicht sichtbaren Tiefenstruktur für den aufmerksamen Beobachter ebenso bemerkenswerte, wie unangenehme Misstöne und gefährliche Geschichtsklitterungen. Um das wahrzunehmen, war es hilfreich, den stereoskopischen Blick des gerade in Frankreich hochgeschätzen Sieburgs zu Rate zu ziehen und die subtile „Lust am Untergang“ aus der offizielen Lithurgie herauszuschälen.
Die aufgeblähte und symbolische Hybris-Verdichtung des politischen, eurokratischen Mainstreams der Simulativen Fassadendemokratie waren auch hier mit grellen, propagandistischen Pinselstrichen in die Choreographie der Feier eingraviert. Die Mainstream-Populisten der politischen Entscheidungseliten gestanden nicht etwa ihre eigenen Politikfehler und Politmanipulationen ein, sondern beschworen eine gefährliche Bedrohung Europas durch finstere europafeindliche Verschwörungen von finsteren Rechtspopulisten. Obwohl von einem durch Nationalisten bedrohten Europa gedräut wurde, war der Festplatz neben der Kirche am Kriegerdenkmal reichlich und ausschließlich mit französischen Trikoloren geschmückt. Von auch nur einer einzigen symbolischen Europaflagge oder gar von einer deutschen Flagge war nichts zu sehen. Es war auch kein europäischer oder gar deutscher Festredner eingeladen. Die politische Gesinnungsdiktatur der bis auf die Wolle eingefärbten Eurokraten drückte der kleinen Feier ihren ideologischen Stempel auf. Das war keine Sternstunde im Geist einer deutsch-französischen Entende cordiale.
Das ist um so bemerkenswerter, da auf dem Militärfriedhof von Bertrimoutier schon 1920 die sterblichen Überreste von 12 provisorischen Soldatenfriedhöfen zusammengefasst wurden. Hier wurden die Soldaten beider Nationen zwar getrennt, aber auf einem Friedhof gemeinsam bestattet.

Die Europahymne aus deutsche Kehlen
Neben dem Chor Isegoria aus St. Dié sang der St. Bonifatius Chor aus Emmendingen die Europahymne „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium. Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.“ Im Anschluss an die Feier zog die Gedenkgemeinde unter Glockengeläut in die Kirche zum Gottesdienst ein.
Dieses ganze ‘Don Camillo und Peppone‘ Treiben a la Francaise fand immer auf der impliziten Hintergrundstrahlung der zweifachen deutschen Kriegsschuld statt und wurde vom St. Bonifatius Chor aus Emmendingen gesangsharmonisch richtig, aber politisch falsch und blind untermalt. Es schauderte den Sieburgschen Beobachter trotz des milden und warmen spätherbstlichen Glanzes.
Der französische Konstrukteur des Versailler Vertrags
Denn war es nicht gerade der damalige, französische Präsident Georges Clemenceau, der durch seine unnachgiebige Uneinsichtigkeit den Schandvertrag von Versailles gegen den Rat und Willen aller anderen Präsidenten der Siegermächte so krude diktierte, dass dadurch in Deutschland überhaupt erst der Acker für den böhmischen Gefreiten Hitler gepflügt und vorbereitet wurde? Auch von diesen und weiteren geschichtlichen Zusammenhängen fiel auf der Gedenkfeier in Bertrimoutier nicht das leiseste Wort.

Die ideologische Message
An diesem wolkenbefreiten Spätherbstmittag wollten die von politischer Theologie durchtränkten, regionalen Politrocker das Bild von einem geeinten, (selbst-)zufriedenen Frankreich in einem geeinten, friedvollen und sicheren Europa zeichnen. Ein Frankreich und ein Europa, das dank der alltäglichen, politischen Bemühungen der ehrbaren Politeliten und allen rechtspopulistischen Feinden und Unbillen zum Trotz einer glücklichen Zukunft entgegenstrebt und nur von den finsteren Rechtspopulisten bedroht wird.

Die politischen Werbepostillen
Entsprechend des Tenors der Melodien solcher ideologischen Stimmungskapellen finden sich seit einiger Zeit in regionalen Briefkästen aufwendig gemachte von ‘smarter governancedurchtränkte Werbebroschüren. Die Wähler ‘dürfen‘ mit ihren Steuern auch noch bezahlen, dass sie von den ‘smarten‘ politischen Haltungsdiktatoren, die natürlich vom Volk gewählt wurden, politisch für blöd verkauft und hinter die Fichte geführt werden sollen. ‘Inhalte‘ dieser (auch noch in Plastik eingeschweißten) Gesangbücher der Fassadendemokratie mit ihren auf wichtig geföhnten regionalen Belanglosigkeiten sind ‘dezent‘ eingeflochtene Selbstdarstellungen der Politbonzokratie, mit politischer Marketing Phrasologie.

Tust du Wasser in die Säure, dann passiert das Ungeheure
Nur sechs Tage später explodierte dann die Tiefenstruktur des größeren Teils des France profonde. Die Gelben Westen gingen in ganz Frankreich auf die Straße und sind bis heute dort geblieben. Der französichen Geograph Christoph Guilluy hatte schon 2018 über die fundamentale Spaltung Frankreichs geschrieben und prognostiziert, dass diese seismischen Spannungen der gesellschaftlichen Plattentektonik bald unter erheblichem Getöse aufbrechen würden. Wer Frankreich und seine protestgewohnten Bewohner auch nur etwas kennt, dem wurde spätestens 2018 klar, dass der Macronismus nicht mehr lange ohne Protest durchgehen würde. Die Spannungen dieser tiefenstrukturellen Tektonik waren bei dem Gedenkakt in Bertrimoutier deutlich spürbar.
Die regionalen und lokalen politischen Entscheidungseliten waren um das Kriegerdenkmal in Bertrimoutier versammelt wie eine ratlose Versammlung phrasendreschender, homöopathischer Stabsärzte, die am Triageplatz die tödlichen Wunden der durch ihre Politik todgeweihten Schwerverletzten Frankreichs und der EUDSSR  vor sich und gegenüber ihrem politischen Oberkommando den Eurokraten schön zu schwätzen versuchten.
Im Kleinen zeigt sich das Große häufig viel deutlicher wie unter einem Brennglas vergrößert.