5. Starkes Themenfeld: Natur
5.1. Geist und Natur


Leider tut die so losgelassene „Natur“ dem Menschen nicht den Gefallen, ein natürliches Gleichgewicht herzustellen, und seit Jahren ist die „Natur“ nicht durch Menschen, sondern durch die zuwandernden Hirsche bedroht.
Lucius Burckhardt, 1977, Landschaftsentwicklung und Gesellschaftsstruktur

 

Geist & Natur als ökologisches Brand sucht transdisziplinär nach den verbindenden Mustern in Außen- und Innenwelten. Es bezieht sich auf scheinbar sechs, separate Werken mit komplexen Welt- und Menschenbildern: Gregory Bateson, Claude-Levi Strauss, Ernst Jünger, Lucius Burckhardt, Christopher Alexander und Hans-Peter Dürr.
 

Gregroy Bateson (1904-1980), Geist und Natur
Das Lebewesen, das im Kampf gegen seine Umwelt siegt, zerstört sich selbst.

Ein wichtiger Baustein von Batesons Werk war das ‘Muster das verbindet'. Es wurde zu einem zentralen Motto des missing-link-instituts. Mit diesem Motto umriss Bateson eine kontextsensible, ökologische und anti-pointillistische Sichtweise defraktionierender Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichsten Phänomenbereichen. Es wurden in den 80er Jahren zu einem Zündfunken des systemischen Felds und damit auch (von Bateson sicherlich ungewollt) zu einem Grundstein des klimarettenden Kulturmarxismus.
 

Claude Levi-Strauss (1908-2008), Das wilde Denken

„Der Bastler ist in der Lage, eine große Anzahl verschiedenartigster Arbeiten auszuführen; doch im Unterschied zum Ingenieur macht er seine Arbeiten nicht davon abhängig, ob ihm die Rohstoffe oder Werkzeuge erreichbar sind, die ja nach Projekt geplant und beschafft werden müssten: die Welt seiner Mittel ist begrenzt, und die Welt seiner Regel besteht immer darin, jederzeit mit dem, was ihm zur Hand ist, auszukommen, d.h. einer stets begrenzten Auswahl an Werkzeugen und Materialien, die überdies noch heterogen sind, weil ihre Zusammensetzung in keinem Zusammenhang zu dem augenblicklichen Projekt steht, wie überhaupt zu keinem Projekt, sondern das zufällige Ergebnis aller sich bietenden Gelegenheiten ist, den Vorrat zu erneuern oder zu bereichern oder ihn mit den Überbleibseln von früheren Konstruktionen oder Destruktionen zu versorgen.“

Levi-Strauss bringt den Bricoleuer gegen den Ingenieur und seine technisch-naturwissenschaftlichen Havarien in Stellung. Es ist eine fundamentale Kritik der westlichen Rationalität, der Levi-Strauss das wilde Denken des ‘Primitiven‘ gegenüberstellt, das nicht ein primitives oder unterlegenes, sondern nur anderes differenziertes Denken darstellt. Beide Denkmodelle wollen die Welt in orientierenden, ordenenden Konzept erklären. Der reklamierte Überlegenheits-, Durchsetzungs-, Eroberungs-, Unterdrückungs-, Kommerzialisierungs-, Zerstörungs- und Versklavungsansprüche der westlichen Zivilisationen kann man getrost als Faktum konstatieren, aber als gerechtfertigt lassen sie sich nicht ableiten.
 

Ernst Jünger (1895-1998), Der Waldgang
„Waldgänger ist also jener, der ein ursprüngliches Verhältnis zur Freiheit besitzt, das sich, zeitlich gesehen, darin äußert, daß er dem Automatismus sich zu widersetzen und dessen ethische Konsequenz, den Fatalismus, nicht zu ziehen gedenkt. Ein solches Wagnis kann Erfolg nur dann erhoffen, wenn ihm von den drei großen Mächten der Kunst, der Philosophie und der Theologie Hilfe geboten und Bahn im Ausweglosen gebrochen wird.“

Fußend auf seinen Kriegserfahrungen im "Wäldchen 125" beschreibt Jünger im Waldgang die Position der Verantwortung des Einzelnen in einer Epoche der Anpassung. Der Wald als Rückzugs- und Erholungsraum der gesellschaftlich Randständigen, der Partisanen, der Dissidenten, der Störenfriede und der Rebellienten. Der Waldgang ist ein Bekenntnis zur tiefenstrukturellen Natur der unzähmbaren Wilderness des Menschen und damit ein Programm des Sträubens und des Widerstands gegen ideologische und staatliche Vereinnahmung.
 

Lucius Burckhardt (1925-2003), Spaziergangswissenschaft
„Ein Anliegen der von uns so genannten Spaziergangswissenschaft muss es also sein, gleichzeitig mit der Wahrnehmung auch die Determiniertheit unserer Wahrnehmungsformen aufzuzeigen, so dass auch neue und ungewohnte Beurteilungen bekannter Situationen möglich werden.“

Das Flanieren über die Pflasterstrände ist die Weiterentwicklung des Umherschweifens mit stereoskopischem Blick. Lucius Burckhardt als Spaziergangswissenschaft in Landschaftsräume. Burckhardt wurde zum transdisziplinären Mahner und Warner einer weiteren Zerstörung der Natur durch technikgetriebene, vulkanische Werkstättenlandschaften.
 

Christopher Alexander (1936), Mustersprache
„Jedes Muster beschreibt zunächst ein in unserer Umwelt immer wieder auftretendes Problem, beschreibt dann den Kern der Lösung dieses Problems und zwar so, dass die Lösung millionenfach angewandt werden kann, ohne sich je zu wiederholen.“

Alexander hat als grenzüberschreitender Denker zwischen Architektur, Philosophie und Systemtheorie G. Bateson's Leitidee des ‘Pattern which connects‘ zur ‘Pattern language‘ weiterentwickelt. Alexander macht tiefenstrukturelle Verbindungsmuster für unterschiedlichste Anwendungsbereiche fruchtbar.

Hans-Peter Duerr (1946), Die Grenzen zwischen Wildniss und Zivilsation
„Für uns Angehörige der modernen Zivilisation, die wir meist mehr haben, als wird sind, ist die Erfahrung jenes wilden Teiles unserer Person kaum mehr vertraut. Die gängigen Ideologien unserer Zeit zeigen immer wieder die Tendenz, diesen anderen Teil, unserer selbst den Wirklichkeitscharakter zu nehmen, ihn als eine illusionäre Projektion zu erweisen. Und dies eben vor allem deshalb, weil sie in einer Zeit entstanden sind, in der sich die Hecke (die die Wildnis der Natur von der Kultur trennt), auf der einst die hagazussa hockte, zu einer Mauer verfestigt hatte, die mit der Grenze der Wirklichkeit zusammenfiel. Wir haben gesagt, dass derjenige, der das Wesen der Kultur kennenlernen wollte, in die Wildnis hinausmusste, denn nur dort konnte er Aufschluß über das erlangen, wass im zwar vertraut, aber doch unbekannt war: seine Alltags Natur.“

Duerr stellt in Abgrenzung zu Nobert Elias die These auf, dass eine Entwicklung von der Natur zur Kultur fraglich ist, da die sgn. ‘Primitiven‘, auf ihre Art schon immer so schamhaft bzw. schamhafter als ‘wir‘ und so kultiviert wie wir sind nur ebenauf eine an ihren Kulturkreis zugeschnittene Fasson. Sind wir angeblich Zivilisierten in Wirklichkeit die Wilden, die sich in unserer Kultur und Umwelt schamloser und zerstörerischer bewegen als jeder angeblich ‘Wilde'? Und muss daraus nicht abgeleitet werden, dass die weitverbreitete Auffassung vom ständigen zivilisatorischen Fortschritt eine unhaltbare Ideologie der Selbstrechtfertigung und ein moderner Mythos ist?
 

Dieses sechs Personen und ihre Werke beschäftigen sich - mit Hans Blumenberg gesprochen - auf jeweils ihre Art um eine Lesbarkeit der Welt. Diese Theorien haben u.a. die Dichotomien bzw. die Übergänge zwischen

  • Freiheit und Zwang
  • Geist und Natur
  • Natur und Kultur
  • Wildnis und Zivilisation
  • Natur und Technik
  • strengem und wildem bzw. lockerem Denken
    im Fokus und
  • welche Muster der Unterscheidung und Übereinstimmung

man dabei aufspüren kann. Allerdings ist beim Konzept Mind und Natur kein Kulturrelativismus impliziert.
 

Zweck und Ziel
In diesen Veranstaltungen durchstreifen wir die Eremitage des mli als locus amoenus und in Tagesreisen die im Herzen Europas gelegenen Natur-, Kultur-, Stadt-, Landschafts-, Wald- und Gartenräume der Vogesen und des Elsass als das corpus callosum des deutsch-französischen Körpers.
Transdisziplinär werden die verbindenden Muster der scheinbar gegensätzlichen Welt- und Menschenbilder von Bateson, Jünger und Burckhardt verknüpft und mit den neuen Forschungen zur heilenden Kraft des wilden Waldes und seiner Bäume dem Waldbaden ergänzt. Auf diesen Wald- und Landschaftsspazier-
gängen mit Tagesausflügen werden die Transitzonen und Reisen aus den Außenwelten in den Kosmos der Weltinnenräume der Teilnehmer mit weiteren Verfahren wie des FluXXus, der Symbolisation, der REBELlienz, der Mannigfaltigkeitn-1, dem Stoanon, dem HistorioDRAMA, dem stereoskopischen Blick und dem subtilen Jagen erkundet und dokumentiert.
Der entscheidende Unterschied bei der Anwendung der mli Brands in diesem Seminar ist, dass sie überwiegend draußen in einer der anregendsten Kulturlandschaften im Herzen Europas beim erkundenden und reflektierenden Umherschweifen und eben nicht nur in den Innenräumen des missing-link-instituts angewandt werden.
 

5. Starkes Themenfeld: Natur
5.2. Mitwelt, Umwelt, Geschichte


„Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleib im Dunkeln unerfahren,
mag von Tag zu Tage leben.“

J. W. v. Goethe

Das HISTORIODRAMA© kann je nach Perspektive auch zu den Themenfeldern Politik oder Kultur gezählt werden.

Entstehungsgesichte des HISTORIODRAMA©
Das HISTORIODRAMA wurde schon Mitte der 90er Jahre von mir entwickelt. Damals richtete ich das mli Seminarhaus in den Vogesen ein und setzte mich intensiv mit der Geschichte von Elsass und Lothringen auf den Spuren meines Großvaters mütterlicherseits auseinander. Mein Großvater, der Müllermeister Wilhelm Dunkel, war im ersten Weltkrieg in Straßburg stationiert*.

HISTORIODRAMA am Beispiel des Elsass
Über viele Jahrhunderte war Elsass-Lothringen der Zankapfel der deutsch-französischen Beziehungen. Die Wurzeln dieser Streitereien kann man weit zurückverfolgen bis auf den Vertrag von Verdun (843). Hier wurde in der Nachfolge Karl des Großen die Aufteilung des Fränkischen Reiches in drei Teile in die Wege geleitet:

  • Westfranken wurde von Karl II dem Kahlen regiert
  • Ostfranken wurde von Ludwig II dem Deutschen regiert
  • Lotharingien wurde von Lothar II regiert; er erhielt zudem die Kaiserwürde.

Im Lauf der Geschichte hat diese Aufteilung viele Neuauflagen erlebt und weitere Konflikte nach sich gezogen. Die Schlacht von Verdun (1916) kann man als eine moderne "Neuauflage" dieser über 1000 Jahre alten Streitereien verstehen.

Wollte man ein anatomisch-metaphorisches Bonmot machen, könnte man - in Anlehnung an die französische Schriftstellerin Dominique Aubier - das Elsass als das Corpus Callosum der deutsch-französischen Beziehungen (des deutsch-französischen Gehirns) bezeichnen, oder wie es einer der bekanntesten Elsässer Tomi Ungerer gesagt hat: "Das Elsaß ist das Rückgrat des deutsch-französischen Körpers".

Worum geht es beim HISTORIODRAMA?
Es geht beim HISTORIODRAMA um die Erforschung „der unmittelbaren Wirkungen, seien sie bewusst gestaltet oder nicht, des geographisch-landschaftlichen Milieus auf das kognitiv-emotionale Verhalten der Individuen.“ Das Elsass ist als zentraleuropäische Kulturlandschaft eine wahre Fundgrube von prä- und frühhistorischen, sakralen, militärischen und politischen Hotspots. Den Schreckensorten der Kriege können die sakralen Hot Spots, Gärten, Weinberge, Dörfer und Städte gegenübergestellt werden. Beim HISTORIODRAMA geht es nicht um rückwärtsgewandte Ritterspiele, gotisches Münstergestaune, historisierendes Schlachtfeldgegraue oder esoterische Hexensabbaterei an der Heidenmauer am Odilienberg, sondern es geht um das große Lagebild, ein historisches und zukunftsbezogenes Big Picture. Wie ist die Conditio Humana zwischen Krieg und Kirche, in humanethologischer Begrifflichkeit die Conditio Humana zwischen Brutpflege und Revierverteidigung. Es geht um die Frage, ob wir (noch) am Vorabend des "Dritten Weltkriegs" stehen, oder ob er längst im Gange ist. An welchen Indizien lässt sich das ablesen? Oder, besteht die letzte Solidarität der Menschheit  nur noch darin, die (Um-)Welt zu versauen? Gibt es dagegen (noch) etwas zu tun?

Zur Methodik des HISTORIODRAMA
Über das Elsass hinaus stellt das HISTORIODRAMA eine geschichtliche Erweiterung des Genogramms in die Kulturgeschichte dar. Dazu sind genaue Kenntnisse von Landschaft und Familiengeschichte und den wechselseitigen Verwobenheiten notwendig. Das HISTORIODRAMA ist u.a. eine Erweiterung der psychogeographischen Methode des dérive, des Umherschweifens, wie es in der Situationistischen Internationale Ende der 60er entwickelt wurde, in Kombination mit der Spaziergangswissenschaft, wie sie Lucius Burckhardt in den 80ern in Kassel erfunden hat.

Das HISTORIODRAMA wird zunächst durch Filme im Kritischen Kino vorbereitet und dann an den entsprechenden geschichtlichen Hot-Spots (Originalschauplätzen) in Anlehnung an psychodramatische Methoden in Aktion gesetzt und durch Lesungen von literarischen Zeugnissen verstärkt. Das HISTORIODRAMA ist (im Unterschied zu den folgenden verwandten Methoden) ein Verfahren, das innerhalb kürzester Zeit (für Laien ohne weitere Vorkenntnisse und kostümierenden Mummenschanz) den Einstieg in geschichtliche Epochen mithilfe des Verfahrens der hypnotischen Identifikation erlaubt. Dieses Verfahren, das zwischen primärprozesshafter Einfühlung und sekundärprozesshafter Analyse oszilliert, ermöglicht einen tiefenstrukturellen Einblick in den Zeitgeist der jeweiligen Epoche in Kombination mit den Auswirkungen auf das aktuelle emotionale Erleben und dessen Einbettung in die Biographie der beteiligten Personen an einer HISTORIODRAMAtischen Erkundung.

Theoretische Wurzeln und verwandte Verfahren:
Das HISTORIODRAMA ist im Methoden-Polygon von
Psychogeographie
Spaziergangswissenschaft
Reenactment
Action Learning
Living History
Histotainment
Live Action Role Playing (LARP) und
experimenteller Archäologie

entstanden.

HISTORIODRAMA-Ausflüge werden, soweit es die Zeit erlaubt, in die Veranstaltungen des mli integriert oder für spezielle geschlossene Gruppen durchgeführt. HISTORIODRAMA-Ausflüge können wenige Stunden für kleine Ziele umfassen, oder bis zu mehreren Tagen für größere Touren mit Übernachtungen organisiert werden.